Zelenka in zwei Messen, mit dem Collegium 1704

→Unter der Leitung von Václav Luks vereint diese Aufnahme die „Missa Circumcisionis“ und die „Missa Corporis Domini“ von Jan Dismas Zelenka – zwei Werke, die sich durch ihren reichen Orchestersatz auszeichnen, in einem Stil, der häufig mit dem von Johann Sebastian Bach in Verbindung gebracht wurde. Ein neuer Meilenstein in der Diskographie des böhmischen Komponisten, überzeugend dargeboten mit Präzision und Engagement.

Zelenka in zwei Messen, mit dem Collegium 1704
© ACCENT

Dass Jan Dismas Zelenka (1679–1745) im gegenwärtigen Musikleben wieder präsent ist, ist derzeit insbesondere tschechischen Ensembles für Alte Musik zu verdanken, allen voran dem Collegium 1704 und Václav Luks. Ihre jüngste Veröffentlichung bei ACCENT, die Einspielung der Missa Circumcisionis und der Missa Corporis Domini, lässt die kompositorischen Eigenwilligkeiten des Dresdner Kirchenkomponisten und Kontrabassisten erneut eindrucksvoll aufleuchten.

Jan Dismas Zelenka, gebürtiger Böhme, verbrachte die wesentliche Hälfte seiner Schaffensjahre allerdings in Dresden. Hier avancierte er vom komponierenden Spieler des Kontrabasses in der Hofkapelle zum Kirchencompositeur. Sein Leben und Wirken im augusteischen „Florenz an der Elbe“ galt früher als voller Rückschläge und Enttäuschungen. Tatsächlich verwiesen jüngere Forschungsergebnisse darauf, dass er hochangesehen und wertgeschätzt worden sei – freilich ohne, dass sich dies unbedingt in Riesenschritten auf der Karriereleiter widergespiegelt hätte.

Seine eigenwillige Tonsprache wurde bereits im 19. Jahrhundert der Musik von Johann Sebastian Bach an die Seite gesetzt. Zelenka schuf eine hellhörig machende Mischung aus Kontrapunktik, neuerem neapolitanischem Stil und älteren, bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückreichenden Mustern. Vor allem bei Johann Joseph Fux (um 1660-1741), kaiserlichem Oberkapellmeister, vertiefte Jan Dismas Zelenka seine kontrapunktischen Kenntnisse und vergrößerte seine Sammlung älterer Musik. Zelenka hatte sich um 1718 in Wien von Fux unterrichten lassen.

Auch Zelenkas Messen leben vom Zusammenspiel spätbarocker, galanter und kontrapunktischer Stilelemente. Seine Messvertonungen nehmen innerhalb seines Œuvres eine herausragende Stellung ein. Zwei von ihnen stellen Václav Luks, seine Ensembles Collegium Vocale 1704 und Collegium 1704 sowie ausgewählte Solisten auf ihrer neuesten CD vor: Missa Circumcisionis ZWV 11 und Missa Corporis Domini ZWV 3. Zu Neujahr 1729 komponiert, zeichnet sich die Missa Circumcisionis durch eine opulente Instrumentalbegleitung aus, angeführt von drei Trompeten, Pauken und einem Hörnerpaar. Zelenka fordert diesen Blechbläsern im Verlauf des Werkes einiges ab. Im „Qui tollis peccata“ gesellt er Solosopran und Soloalt eine Violine und eine Oboe hinzu, wobei sich die Instrumentalsolisten des Collegium 1704 (Konzertmeisterin Helena Zemanová, an der Oboe Katharina Andres) vorzüglich einbringen. Im Quartett fügen sich die unterschiedlichen Timbres der Vokalsolisten auffallend homogen zusammen. Im Duett fällt lediglich der Alt von Aneta Petrasová gelegentlich etwas zu blass aus. Sehr gut gelingt allen Mitwirkenden der abrupte Affektwechsel im „Qui sedes ad dexteram Patris“ !

Ohne Gloria ist die Missa Corporis Domini überliefert. Zelenka komponierte sie rund ein Jahrzehnt vor ZWV 11. Bereits im eröffnenden, Passacaglia-artigen „Kyrie eleison“ führt er ein Motiv meisterhaft imitatorisch-kontrapunktisch durch die Stimmen. Im Credo schafft er mit einer Wendung nach Moll einen geradezu dramatischen Kontrast. Für dessen schreitendes „Crucifixus“ verlangt er vier Bässe. Auch deren unterschiedliche Timbres fügen sich in der vorliegenden Interpretation homogen vorzüglich zusammen. Im „Benedictus“, einem wiederum von Violine und Oboe begleiteten Solo des Vokalbasses, erweist sich Tomáš Šelc als Tadeáš Hoza überlegen. Letzterer bietet das „Confiteor“ dar, von welchem Václav Kapsa im Beihefttext zurecht meint, es wäre längst zu einem Hit geworden, wäre es eine Bassarie aus einem Oratorium von Georg Friedrich Händel (1685-1759).

Insgesamt bestätigen die von Václav Luks geleiteten Musizierenden einmal mehr ihre Exzellenz, auch wenn sich stellenweise ein gewisser Vorbehalt hinsichtlich der expressiven Intensität aufdrängt. Gleichwohl bietet die Einspielung eine Deutung von großer Geschlossenheit, die den Reichtum und die Eigenart von Jan Dismas Zelenkas Schreibweise eindrucksvoll zur Geltung bringt – eine CD, die sich ohne Zögern empfehlen lässt!


Technische Angaben

Werke: Missa Circumcisionis ZWV 11, Missa Corporis Domini ZWV 3
Komponist: Jan Dismas Zelenka (1679–1745)
Entstehungszeit: 24.–28. Dezember 1728 (ZWV 11), ca. 1719 (ZWV 3)
Version: Studioaufnahme, Kirche St. Anne, Prag, Mai 2025
Musikalische Leitung: Václav Luks
Chor: Collegium Vocale 1704
Orchester: Collegium 1704 (historische Instrumente)

Solisten:

  • Tereza Zimková – Sopran
  • Aneta Petrasová – Alt
  • Rodrigo Carreto – Tenor
  • Tomáš Šelc – Bass
  • Tadeáš Hoza – Bass
  • Martin Vacula, Josef Kovačič – Bass (Chorsolisten)

Label: ACCENT (ACC 24416) / note 1 music gmbh (1 CD, Gesamtspielzeit: 61:44)