Mit dieser neuen Einspielung entführen Les Cris de Paris und ihr musikalischer Leiter Geoffroy Jourdain in eine besondere Klangwelt zwischen italienischer Renaissance und zeitgenössischer Komposition. Rund um die Madrigale von Carlo Gesualdo und seinen Schülern, die Experimente Nicola Vicentinos und die Werke Francesca Verunellis, erkundet das Programm die Grenzen der Harmonik. Ein faszinierender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart – getragen von einer präzisen und betörenden vokalen Interpretation.
Ihr neues Album ist inspiriert von der italienischen Musik der Spätrenaissance und der experimentierfreudigen Persönlichkeit des Nicola Vicentino. Es entsteht ein unkonventioneller musikalischer Parcours. Was möchten Sie Ihren Hörern mit diesen „seltsamen Harmonien“ vermitteln?
Geoffroy Jourdain: Die italienische Musik dieser Epoche, insbesondere das polyphone Madrigal, übt auf mich eine immer wieder neue Faszination aus – ein unerschöpflicher Stimulus zur Entdeckung. Strana armonia d’amore reiht sich denn auch ganz natürlich in die Linie ein, die ich seit Jahren mit Les Cris de Paris zu diesem Repertoire verfolge – einem Repertoire, das ich als das Laboratorium der Oper betrachte. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Kuriositätenkabinette – auch in der Musik. So bin ich auf eine ganze Reihe ziemlich eigenwilliger Komponisten gestoßen und habe im Laufe der Jahre eine kleine Sammlung seltsamer Partituren zusammengetragen. Einige davon wollte ich nun teilen, indem ich eine Linie nachzeichne, die von Nicola Vicentino in Ferrara über Gesualdo und seine Schüler bis zu Sigismondo d’India und Michelangelo Rossi führt – eine mögliche Geschichte der italienischen musikalischen Avantgarde des 16. und 17. Jahrhunderts.
In diesem Projekt stellen Sie einen Dialog zwischen dieser italienischen Avantgarde und der zeitgenössischen Komponistin Francesca Verunelli her – eine Verbindung von barocker Musik und moderner Tonsprache. Was bringt Ihrer Meinung nach diese Gegenüberstellung von Epochen und Stilen?
G. J.: Oft spricht man davon, dass zeitgenössische Werke als eine Art Spiegel oder Widerhall früherer Musik geschrieben seien. Diese Begriffe irritieren mich ein bisschen, wenn es um wirkliche Schöpfung geht – denn die Vorstellung, aus etwas Altem etwas Neues zu machen, gefällt mir nicht so. Mich inspiriert vielmehr die Idee, dass Epochen sich aufeinander reimen. Das war der Gedanke, der diesem Projekt zugrunde lag: Francesca Verunelli einzuladen, Werke nach ihrer Wahl zu komponieren – neben einer variablen Liste von Stücken, die ich ihr vorgeschlagen habe. Wie eine bildende Künstlerin, die sich aussuchen darf, wo in einer Sammlung alter Bilder sie ihre eigenen reinhängt, hat Francesca also bestimmte Madrigale ausgewählt und daraus eine musikalische Dramaturgie entwickelt.
Die Teilung der Oktave in 31 Intervalle eröffnet ein ungemein reiches harmonisches Feld – stellt aber auch eine Herausforderung für ein Vokalensemble dar. Wie sind Sie an diese Arbeit herangegangen?
G. J.: Man muss wissen, dass die Teilung der Oktave in 31 Intervalle – theoretisch begründet, aber zuerst gehört! – von Nicola Vicentino im 16. Jahrhundert entwickelt wurde. Francesca Verunelli hat sich davon inspirieren lassen. Dieses Konzept basiert auf einem Können, das den Interpreten Alter Musik sehr vertraut ist: Der reinen Intonation – also dem Singen ohne Schwebungen, wie es bei der gleichschwebenden 12-Ton-Teilung nicht möglich ist, wo man ja immer das pythagoreische und das syntonische Komma mitdenken muss. Vicentinos erfundener – oder besser: wiederentdeckter – Modus sollte den enharmonischen Modus der griechischen Antike wiederherstellen. Er erlaubt es gewissermaßen, von jeder Taste eines Klaviers aus reine Intervalle zu erzeugen. Man stelle sich eine Leiter mit zwölf Sprossen vor, zwischen die weitere bunte Sprossen eingefügt wurden. Vicentino hatte dafür sogar ein Instrument konzipiert, das archicembalo, ein Cembalo mit unterteilten Tasten, auf dem man all diese Töne spielen konnte. Ein Exemplar davon ist im Museo Civico in Bologna erhalten. In Anlehnung an dieses historische Referenzklavier haben wir zwei Tripelharfen so gestimmt, dass wir diese farbige Tonleiter rekonstruieren konnten – und unsere Ohren weit öffnen…


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