Für seine erste Soloaufnahme widmet sich der Countertenor Paul-Antoine Bénos-Djian Henry Purcell und der englischen Musik des 17. Jahrhunderts, begleitet von Le Consort, mit dem ihn seit 2016 eine enge künstlerische Partnerschaft verbindet. Zwischen berühmten Arien und seltenen Kostbarkeiten erkundet Begin the Song die vielen Facetten eines Repertoires, in dem vokaler Ausdruck, innerer Puls und instrumentale Eleganz untrennbar miteinander verwoben sind. Ein Gespräch mit einem Künstler, den Detailversessenheit und der Wunsch nach Austausch antreiben.
Warum haben Sie Henry Purcell in den Mittelpunkt dieser Aufnahme gestellt? Und warum gleich zu Beginn Ihrer Solokarriere ein so entschieden englisches Projekt?
Paul-Antoine Bénos-Djian: Dafür gab es mehrere Gründe. Zunächst war es eine Herzensentscheidung. Ich habe Purcell entdeckt – natürlich durch die großartigen Aufnahmen von Alfred Deller, aber auch durch Andreas Scholl und Paul Agnew. Seine Musik hat schon sehr früh ihren Platz in meinem musikalischen Universum gefunden, und ich wünschte mir sehr, sie selbst zu singen. Man muss auch sagen: Purcell ist, ähnlich wie Händel, für jeden Countertenor fast ein Pflichtkomponist! Dann haben Dirigenten wie Vincent Dumestre, Bertrand Cuiller und Damien Guillon mich eingeladen, einige seiner Royal Odes zu singen, die ich vorher gar nicht kannte und deren Schönheit mich sofort fasziniert hat. Ich habe mir damals geschworen: Wenn ich irgendwann einmal die Gelegenheit habe, werde ich Auszüge daraus aufnehmen. Und dass Purcell ein Herzenswunsch war, ist nicht unerheblich – denn ich bin überzeugt, dass es ein großer Vorteil ist, beim Aufnehmen Musik zu singen, die einen ganz persönlich berührt. Eine Aufnahme verlangt Tag für Tag höchste Motivation, Konzentration, dazu körperlichen und emotionalen Einsatz. Fünf Tage lang mussten wir Musiker für jedes Stück eine eigene Atmosphäre schaffen, einander intensiv zuhören und in jedem Take unser Bestes geben. Und das alles in einem sehr begrenzten Zeitrahmen – jede Aufnahme hat schließlich große logistische und finanzielle Hürden. Es wird zu einer Art Rennen gegen die Zeit, das man nur mit echter Liebe zur Musik gewinnen kann. Und in diesem Punkt haben alle Musiker, die mich bei diesem Projekt begleitet haben, außergewöhnliche Geduld, Hingabe und Wärme gezeigt – ich bin ihnen unendlich dankbar dafür! Was den Ursprung der Aufnahme betrifft: Die Idee war, die wunderbaren Erinnerungen festzuhalten, die wir in Konzerten mit Le Consort rund um die englische Musik des 17. Jahrhunderts gesammelt hatten – mit Purcell, Blow, Lanier und anderen. Wir hatten sogar das Glück, während der Pandemie in Royaumont ein Video dieses Programms aufzunehmen. Aber die Vorstellung, daraus eine CD zu machen, war dann der krönende Abschluss. Théotime hat mich schließlich Christian Girardin [Leiter des Labels Harmonia Mundi] vorgestellt, um das Projekt zu besprechen. Christian war sofort begeistert, und von da an haben wir gemeinsam am Repertoire gearbeitet. Ich hatte mir bestimmte Purcell-Arien unbedingt vorgenommen, wie Music for a while, Here the deities, Fairest Isle und viele andere … Aber dann habe ich schnell gemerkt, dass es viel zu viele für eine einzige CD waren! So ergab sich Purcells starke Präsenz auf der Aufnahme – und die Notwendigkeit einiger schwieriger Entscheidungen.
Dieses Album ist auch das Ergebnis einer langen Zusammenarbeit mit Le Consort. Wie hat sich diese Beziehung seit Ihrem ersten Treffen 2016 entwickelt? Und wie sind Sie bei der Gestaltung des Programms vorgegangen?
P.-A. B.-D.: 2016 hatte uns Vincent Dumestre eingeladen, ein englisches Programm in der wunderbaren Chapelle Corneille in Rouen aufzuführen. Vorher kannte ich die Musiker von Le Consort nur flüchtig – man lief sich mal im Konservatorium in Paris über den Weg, das war’s. Dieses Projekt hat uns dann wirklich zusammengebracht; es hat ein Band und eine Freundschaft entstehen lassen, die bis heute hält! Beim Programm war mir, wie gesagt, klar, dass Purcell den roten Faden bilden würde. Aber es lag nahe, sein Werk in einen Dialog mit dem seiner Zeitgenossen oder Schüler zu stellen. Jeder Komponist erbt ja ein Umfeld und schreibt Musik, die zwangsläufig vom ästhetischen, politischen und musikalischen Kontext geprägt ist. Justin und Sophie, die Geigerin des Ensembles, haben sich besonders dafür eingesetzt und mir Stücke vorgeschlagen – absolute Schätze! Am Ende mussten wir dann eine Auswahl treffen, die genügend Kontraste und Stimmungswechsel bot, damit das Programm nicht zu einseitig oder zu melancholisch wirkt … — auch wenn Melancholie in diesem Repertoire fast schon dazugehört.
Im Booklet schreiben Sie, dass Sie besonders Purcells Ground-Bass-Arien mögen, mit ihrem fast zeitgenössischen Groove. Wenn Sie ein Stück auswählen müssten, um Hörer in das Album hineinzuführen, welches wäre es?
P.-A. B.-D.: Stimmt! Da ich ursprünglich Schlagzeuger bin, war für mich der Gedanke von Groove, von Puls – und allgemein das Tempo, das ich mir für jedes Stück vorstellte – extrem wichtig. Aber ich glaube nicht, dass ich da etwas Neues erfinde: In der Menschheitsgeschichte waren ja schon die ersten Musikinstrumente Schlaginstrumente. Das erklärt vielleicht diese fast instinktive Verbindung jedes Menschen zum Rhythmus. Haben nicht die rituellen Tänze jener Zeit mit endlosen Wiederholungen Trancezustände hervorgerufen? Und man darf nicht vergessen: Barockmusik wurde damals fast nie dirigiert! Im Opernhaus hat der musikalische Leiter den Puls einfach mit einem Stab angezeigt. Instrumentalmusik und Tanz ließen sich ohnehin nicht voneinander trennen. Purcell, wie so viele seiner Zeitgenossen, war stark von der Welt des Tanzes geprägt. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum Barockmusik bis heute so beliebt ist – sie ist auf eine gewisse Weise für alle zugänglich. Und wenn ich ein Stück als Einstieg empfehlen müsste — puhh, … das ist schwer, weil ich am liebsten alle nennen würde! Aber ich entscheide mich für den ersten Track: By beauteous softness von Purcell. Die Schönheit, die aus der Schlichtheit von Basslinie und Gesang entsteht, ist für mich überwältigend. Wie Purcell die Stimmen miteinander verflicht, ist einfach magisch. Und die kurze instrumentale Sinfonie, die die Arie beschließt, ist ein wahres Kleinod an Eleganz. Die ganze Atmosphäre strahlt eine exquisite Sinnlichkeit, eine großartige Poesie und eine Art zurückgenommene emotionale Kraft aus, die mich tief bewegt. Und tatsächlich: Wenn man die Gambe durch einen E-Bass oder Kontrabass ersetzen würde und die Streicher durch ein Klavier – man würde kaum glauben, dass diese Musik vor vier Jahrhunderten entstanden ist! Der Komponist Thomas Adès hat übrigens kürzlich ein wunderbares Arrangement dieses Stücks für Stimme und Klavier geschrieben – sehr hörenswert! Diese Modernität bei Purcell finde ich schlicht genial.



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