Musik auf Reisen (1/3)

Um das Jahr 380: Die außergewöhnliche Reise der Egeria nach Jerusalem

→Von den Kirchengesängen der Urchristen über die franko-flämischen Meister der Renaissance bis hin zur italienischen Oper des 18. Jahrhunderts: Die Musikwissenschaftlerin Anne-Charlotte Rémond nimmt uns in einer dreiteiligen Serie mit auf eine faszinierende Reise durch die Jahrhunderte und beleuchtet die Wege der Musik vom 4. bis zum 18. Jahrhundert. Doch wie bewegte sich Musik früher eigentlich ganz konkret von Ort zu Ort? In diesem ersten Teil unserer Reihe folgen wir dem kühnen Wagnis der Egeria, die sich um 380 von Europa nach Jerusalem aufmachte.

Um das Jahr 380: Die außergewöhnliche Reise der Egeria nach Jerusalem
Detail der Madaba-Mosaikkarte (6. Jahrhundert) mit Darstellung Jerusalems. Diese Mosaikkarte zählt zu den ältesten Darstellungen der Heiligen Stadt, entstanden rund zwei Jahrhunderte nach Egerias Reise. © St.-Georgs-Kirche, Madaba, Jordanien
Serien
Vollständige Geschichte:
  1. Teil 1:

    Um das Jahr 380: Die außergewöhnliche Reise der Egeria nach Jerusalem

  2. Teil 2:

    Im Europa der Renaissance, die Zeit der französisch-flämischen Musiker

  3. Teil 3:

    Als die italienische Oper im barocken Europa glänzte

Stellen Sie sich vor: Es ist das Jahr 380 unserer Zeitrechnung. Sie sind eine junge Frau in der Blüte Ihrer Jahre und leben im äußersten Westen Europas, in Galicien oder der Aquitanien. Ihr Alltag ist tief durchdrungen von der Spiritualität des frühen Christentums; Sie lesen die Heilige Schrift, sind mit der Liturgie vertraut und singen in der Gemeinschaft der Gläubigen. Und dann, eines Tages, fassen Sie einen Entschluss: Sie werden nach Jerusalem pilgern. Ich sehe Ihr ungläubiges Gesicht: Eine Reise von… wie vielen Kilometern? Vielleicht 4.700? Hin UND zurück – macht stolze 9.400 Kilometer! Mit den Mitteln des 4. Jahrhunderts? Als Frau? „Unmöglich“, sagen Sie? Keineswegs. Ihr Name war Egeria, und sie hat es vollbracht. Den weiten Weg hin, den weiten Weg zurück – und sie hat uns ein kostbares Reisetagebuch hinterlassen.

Wo wir Egeria kennenlernen

Um Ihre Fantasie zu beflügeln, habe ich Egeria als Ausgangspunkt für unser Thema gewählt: die Reisen der Musik. Ein Thema, das mich schon immer fasziniert hat: Wie ist es möglich, dass eine Melodie, ein Lied oder ein Hymnus, der an einem bestimmten Ort entstanden ist, Tausende Kilometer entfernt in erkennbarer Form wieder auftaucht? Was uns heute völlig natürlich und kinderleicht erscheint – dieselbe Weise in Sekundenbruchteilen über Kontinente hinweg hörbar zu machen –, geschah also schon lange vor der KI, vor dem Internet, vor der Eisenbahn, vor dem Buchdruck und sogar vor der musikalischen Notation? Wie war das möglich? Wie reiste die Musik ganz konkret? Dem möchte ich hier nachgehen und mich dabei auf drei entscheidende Momente der Musikgeschichte konzentrieren: Den Kirchengesang aus der Frühzeit der christlichen Religion, die Ära der franko-flämischen Komponisten und die Verbreitung der italienischen Oper in der Barockzeit.

Für diese erste Reise versuchen wir, dem Kirchengesang in den ersten Jahrhunderten des Christentums zu folgen. Warum gerade der Kirchengesang? Ganz einfach, weil er der einzige ist, über den uns die Geschichte wirklich Aufschluss geben kann: Weder das Volkslied noch die weltliche Instrumentalmusik jener Zeit sind uns tatsächlich überliefert. Und in der Tat weiß man selbst über die religiöse Musik vor den ersten Notenaufzeichnungen kaum etwas: Eine kurze Recherche wird Ihnen zeigen, dass dieses Thema fast nie erwähnt wird!

Mittelalterliche Abschrift des Itinerarium Egeriae (Codex Aretinus), einziges erhaltenes Zeugnis von Egerias Reise. © Biblioteca Città di Arezzo

Ich komme also auf Egeria zurück, denn ihr Bericht liefert uns wertvolle Hinweise auf die Reise an sich, mit all ihren ganz praktischen Aspekten.

Wer war Egeria?

Wie man sich unschwer vorstellen kann, sind uns die Originalquellen aus dem 4. Jahrhundert nicht in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten geblieben. Dass wir heute überhaupt von Egeria wissen, verdanken wir wesentlich späteren und leider nur fragmentarischen Abschriften. Da sowohl der Anfang als auch das Ende ihres Berichts fehlen, lässt sich ihre genaue Herkunft nicht bestimmen. Fest steht lediglich: Sie stammte aus dem Westen Europas – vielleicht aus Galicien, vielleicht aus der Aquitaine. Auch ihr Alter oder ihre soziale Stellung sind uns nicht überliefert; selbst der Name „Egeria“ wurde ihr erst später von Historikern durch gelehrte Schlussfolgerungen und den Abgleich verschiedenster Informationen verliehen.

Sie kam zweifellos aus einer Stadt, da das flache Land am Ende des 4. Jahrhunderts noch kaum christianisiert war. Sie konnte lesen, und zahlreiche Hinweise in ihrem Text lassen darauf schließen, dass sie eine Bibel mit sich führte – von der im 4. Jahrhundert bereits viele lateinische Übersetzungen im Umlauf waren. Sie war ganz sicher keine Frau aus dem einfachen Volk.

Egeria gehörte offensichtlich einer hohen sozialen Schicht an. Dies zeigt sich einerseits darin, dass sie die Mittel für eine mehrjährige Pilgerreise aufbringen konnte. Andererseits reiste sie vermutlich mit Empfehlungsschreiben einflussreicher Persönlichkeiten im Gepäck: Überall wurde sie gemeinsam mit ihren Gefährten mit größter Hochachtung empfangen – selbst von Bischöfen oder kaiserlichen Beamten…

Angel

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