Lea Suter: „Das Clavichord klingt nur, wenn man weiß, was man sagen will.“

→Bach einmal anders hören? Lea Suter wagt das Experiment mit einer Einspielung auf dem Clavichord – einem leisen, ausdrucksstarken Instrument – und nähert sich damit einigen der bekanntesten Werke des Komponisten auf besonders intime Weise. 

Lea Suter: „Das Clavichord klingt nur, wenn man weiß, was man sagen will.“
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In ihrem neuen Album, das ganz Johann Sebastian Bach gewidmet ist, rückt Lea Suter ein seltenes und intimes Instrument ins Zentrum: das Clavichord. Darauf interpretiert sie bedeutende Werke wie die Chromatische Fantasie und Fuge, die Partita in e-Moll oder die Chaconne – und erkundet dabei die feinen Ausdrucksnuancen, die dieses von Bach besonders geschätzte Instrument ermöglicht. Mit 16 Jahren baute sie ihr erstes Clavichord – der Anfang eines Weges, der sie zur Ausbildung im Orgelbau und zu einer tiefgehenden Kenntnis historischer Tasteninstrumente führte. Eine sensible Annäherung, ganz nah an der Musik und ihren Affekten. 

In Ihrer Einspielung präsentieren Sie bekannte Werke von Bach, darunter die Chromatische Fantasie und Fuge, die Partita in e-Moll und die Chaconne in d-Moll. Was hat Sie dazu bewegt, gerade diese Stücke für das Clavichord auszuwählen, und auf welche Weise offenbart dieses Instrument neue Dimensionen in diesen Kompositionen?  

In erster Linie habe ich die Auswahl auf Grund der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Clavichord vor allem als Musikerin, aber auch als Instrumentenbauerin getroffen, denn historische Instrumente lehren einen unglaublich viel. Nicht zuletzt waren es meine Lehrer Menno van Delft und Joel Speerstra, die mich sehr nachhaltig geprägt haben.

Als zweite Antwort möchte ich Ihnen geben, dass ich in den Quellen der Zeit nach einer Tonartencharakteristik gesucht habe, die eine große dramatische Vielfarbigkeit zum Ausdruck bringt, wie beispielsweise die Tonart e-moll, wie sie Mattheson 1713 beschreibt. Denn das ist das, was Adlung – nach dessen Beschreibungen von 1726 dieses Clavichord gebaut wurde – von einem guten Clavichord für seine Zeit fordert. Gleichzeitig ist das auch die Entstehungszeit der Werke Bachs in seiner Köthener Zeit und später als Thomaskantor, wo seine Kinder und vermutlich Schüler mit dem Notenbüchlein für Wilhelm Friedemann lernten, mit Musik umzugehen. Bach arbeitete dieses Notenbüchlein bis zu seinem Amtsantritt 1723 als Thomaskantor mehrmals um, heute bekannt als die Zwei- und dreistimmigen Inventionen. Interessant ist in diesem Kontext die Entstehung der beiden Notenbüchlein für Anna Magdalena 1722 und 1725, welche nicht nur Stücke aus Bachs Handschrift beinhalten, sondern auch seiner Kinder und anderen. In letzterem befindet sich auch die Erstfassung der Partita in e-moll, keineswegs ein Stück für Anfänger, aber ein dynamisches und sehr ausdrucksstarkes Stück, als wäre es dem Clavichord auf den Leib geschrieben. Es scheint, als hätte Bach sich in den 1720er Jahren mit einer Methode der für ihn vollkommenen Unterweisung von Musik beschäftigt. Das führt auch zur Antwort, warum ich die chromatische Fantasie und Fuge dieser Aufnahme hinzufügte, sie taucht in etwa 16 Abschriften seiner Schüler auf.

Als dritte Antwort gebe ich Ihnen folgendes: Das Clavichord ist das Instrument, das im 18. Jahrhundert vermutlich am häufigsten gespielt wurde. Bei der Beschäftigung mit der Musik der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist es naheliegend, sich mit dem Clavichord nach Adlung zu beschäftigen, um zu verstehen, wie die Musik, die Rhetorik, die Harmonik, die Figuren und die Klangsprache „begriffen“ wurden. Ich denke, dass es sinnvoll ist, zwischen Clavichorden, die im 17. Jahrhundert gespielt wurden, oder Clavichorden, wie sie in der Frühklassik in Gebrauch waren, und Clavichorden der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu unterscheiden. Der Versuch, diese Klangsprache auf dem Clavichord zu „begreifen“ eröffnet ganz praktisch neue Dimensionen und einen anderen Blick auf die „Clavier-Technik“ im weitesten Sinne der Zeit. 

Das Clavichord ist bekannt für seine feinen Nuancen und sogar die Möglichkeit eines Vibratos – etwas, das bei Tasteninstrumenten sehr selten ist. Wie nutzen Sie diese Besonderheiten, um die Affekte und Ausdrucks-Absichten Bachs in Ihrer Interpretation zur Geltung zu bringen?  

Das Clavichord stellt ganz andere Anforderungen an den Spieler als alle anderen Tasteninstrumente. Es fordert ein absolut fokussiertes Spiel und eine klare musikalisch-rhetorische Vorstellung, dessen, was ich als Musikerin sagen möchte, weil es sonst einfach nicht klingt. Das Vibrato ist eine Möglichkeit direkt auf die Saite Einfluss zu nehmen – eben nicht nur beim Anschlag oder Anzupfen – es ist eine weitere Dimension der Klanggestaltung und verlängert in erster Linie den Klang. Eigentlich diente mir hauptsächlich das Violin-Repertoire (Chaconne in d) zur Schärfung des Bewusstseins für den Umgang mit der Saite und den „Begriff“ der Rhetorik durch das Denken in Bogenstrichen, in Auf- und Abbewegungen und die unter einem Bogenstrich zusammengefassten Motive. (Dass Bach seine Violin-Solowerke seinen Schülern auf dem Clavichord vorspielte, ist durch ein Zitat von seinem Schüler Agricola überliefert.) Die Nuancen kommen eigentlich von den vielen anderen Blickwinkeln, die ich beim Clavichord-Spielen einnehmen kann und muss, wie ein guter Erzählkünstler, da ich sonst ständig in Aktion bin und meine Hand verkrampft. Clavichordspielen ist wie Barocktanzen, man strebt immer nach der Leichtigkeit und möchte am liebsten in der Luft schweben – schwerelos wirken – aber die Schwerkraft zwingt den Tänzer immer wieder zum Bodenkontakt. Je mehr ich mit voller Intention den Boden berühre, umso ausdrucksstärker und leichter wirkt meine Bewegung. Dabei ist es egal, ob es ein extrovertierter Springtanz oder ein eleganter, leichtfüßiger Tanz ist. Die Vorbereitung bringt den gewünschten Affekt hervor. 

Im Vergleich zu anderen Tasteninstrumenten ist das Clavichord einem breiten Publikum weniger vertraut. Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie als Interpretin, um diesem Instrument im heutigen Musikleben mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen?  

Das Clavichord ist vermutlich das leiseste Instrument unserer westlichen Musikkultur und darum sehr sehr beliebt. Das Publikum liebt die Stille, die Pausen, das Nichts. Wo gibt es das heute noch in unserem Leben, in unserem Alltag? Wenn es gelingt, eine kleine Kapelle oder Krypta, einen kleinen Konzertsaal (100 Plätze), den Rathaussaal oder einfach den Salon einer Villa für den Konzertort zu gewinnen, ist das immer sehr besonders, weil das Publikum so nah am Künstler sitzen kann. Für mich gibt es nichts Einfacheres, als ein Clavichordkonzert zu spielen, weil das Publikum vom ersten Moment an so still und konzentriert ist und man sich gemeinsam auf etwas voll konzentriert, weil es im ersten Moment so leise ist. Wo haben wir das heute noch? Und was gibt es edleres, als diese Intimität und diese fokussierte Konzentration mit Musik live zu erleben. Wenn wir uns die essenzielle Frage stellen, was kann Musik oder ganz allgemein Kunst? Sie kann den Zuhörer inspirieren, den Fokus für sich selbst zu finden und sich dadurch auf das wirklich essenzielle zu „Be-Sinnen“ mit allen Sinnen. Das macht das Clavichord im modernen (Konzert)-Leben eigentlich unabdingbar. Mir hat mal jemand nach einem Konzert gesagt: „Sie verkaufen Stille mit dem Clavichord.“ Bei keinem anderen Konzert Format bedankt sich das Publikum hinterher so sehr für diesen besonderen Moment, den es eigentlich selbst kreiert. Zum Konzert bringe ich das Clavichord selbst mit und reise meistens mit dem Zug, Joris Potvlieghe hat für mich ein besonders leichtes Instrument gebaut, mit dem ich schon für Konzerte in die schweizer Alpen, nach Italien, Belgien und bis nach Norwegen reiste. Also, Hürden und Herausforderungen gibt es eigentlich nicht. Die Konzerte waren immer sehr gut besucht und das Publikum war außerordentlich neugierig. 

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„Johann Sebastian Bach besaß ein [Clavichord]: Viele seiner Werke, die heute auf Cembalo oder Flügel erklingen, ertönten wohl zuerst darauf; besonders Musik in Moll wirkt sehr farbig. Lea Suter gestaltet zwei Großwerke überaus lebendig und erzählerisch: die Partita Nr. 6 e-Moll BWV 830 und die Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903; unter Kopfhörern erhöht sich die Intensität. Auch Violinwerke lassen sich übertragen, Suter demonstriert das an der großen Chaconne aus der Solopartita BWV 1004. Werk und Instrument bestehen den Test glänzend.“ 

Sebastian Loskant, Bremen news

„Empfindsam. Zart. Erschütternd! [Lea Suter] liebt dieses Instrument und zeigt in ihrer neuen Aufnahme die ganze klangliche und affektive Vielfalt des Clavichords. Sie demonstriert, wie sich dessen Ausdruckskraft optimal nutzen lässt und erweckt mit großer Inspiration Werke wie die Chromatische Fantasie und Fuge, die Partita in e-Moll oder die berühmte Chaconne für Violine – hier in einer Tastenfassung – zu neuem Leben. Selbst in klassischer Stereo-Wiedergabe überzeugt sie. Und in der dreidimensionalen 2+2+2-Wiedergabe entfaltet sich eine zugleich feine wie opulente Klangwelt, die den Hörer unmittelbar in den Bann zieht.“

CLASS:aktuell, Lisa Eranos