In Europa: „Historisch informierte“ Musik im Zeitalter der Stilbegegnungen

→Zwischen Cembalo und Klavier, Quellen und Neuerfindung – noch nie war die Barockmusik so wandelbar. Von den Neuinterpretationen des französischen Pianisten Alexandre Tharaud bis hin zur Fusion von Werken Bachs und Lullys mit Hip-Hop oder Elektro: Überall in Europa nehmen solche Praktiken zu. Was bleibt da noch vom „historisch informierten“ Stil übrig?

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In Europa: „Historisch informierte“ Musik im Zeitalter der Stilbegegnungen
"Les Indes galantes" von Rameau an der Pariser Oper: In der Inszenierung von Clément Cogitore verleihen die Choreografin Bintou Dembélé und ihre Compagnie Rualité der „Danse des Sauvages“ eine kraftvolle, urbane Gegenwärtigkeit. © Little-Shao / OnP

Lange Zeit hat die „historisch informierte“ Interpretation, wie sie sich zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren formte, unser Verständnis der Barockmusik neu definiert und interpretatorische Maßstäbe nachhaltig verändert. Doch dieser etablierte Rahmen blieb keineswegs statisch: Schon ab den 1990er-Jahren und verstärkt in den 2000er- und 2010er-Jahren begannen Grenzen zu verschwimmen und Ansätze sich zu weiten. Von Alexandre Tharauds Rameau-Einspielung auf dem modernen Flügel (2001) bis hin zu Projekten, die Barock mit Elektro oder Hip-Hop verweben – etwa Franck-Emmanuel Comtes „Bach on the Beat“, „Rameau meets ABBA“ der Lautten Compagney BERLIN oder Clément Cogitores Neuinterpretation von „Les Indes galantes“ (2019) an der Opéra de Paris – erkunden Künstler heute neue Ausdrucksformen. Im Spannungsfeld zwischen Quellentreue und bewussten Grenzüberschreitungen wird der Begriff der Authentizität fließender; es entsteht ein Raum, in dem die Alte Musik in einen Dialog mit der Gegenwart tritt. Es bleibt zu klären, was die „historisch informierte“ Interpretation heute eigentlich umfasst – angesiedelt zwischen ihrem überlieferten Fundament und einer Vielzahl neuer, selbstbewusst vertretener Praktiken.

Historisch informiert? 

„Wie kommt es zu diesem Verbrechen gegen den Barock?“ Diese Frage stellte ein Journalist des französischen Magazins Télérama im Jahr 2009 Alexandre Tharaud mit gespielter Entrüstung, nachdem der Musiker die großen Werke der Cembalomusik am Klavier eingespielt hatte. Es war eine barocke Odyssee, die Tharaud bereits einige Jahre zuvor mit Rameaus Nouvelles suites begonnen hatte – und das bezeichnenderweise bei Harmonia Mundi, dem Referenz-Label für Alte Musik. Zu dieser Zeit war der historisch informierte Ansatz bereits seit rund vierzig Jahren in der Welt der Alten Musik etabliert, und kaum jemand zweifelte mehr an der ästhetischen Berechtigung des Spiels auf Originalinstrumenten.. Vivaldi wird mit Darmsaiten gespielt. Und Rameau am Cembalo. Infolgedessen überließen die Pianisten ganze Bereiche dieses Repertoires den Spezialisten. „Sicherlich fühlten sich die Pianisten durch das Aufkommen der Barockmusikspezialisten völlig fehl am Platz. Sie sagten sich: ‚Wir spielen diese Musik in einem völlig falschen Stil und verstehen sie eigentlich gar nicht.‘ Und so verstummten sie“ erzählt Alexandre Tharaud. Mit wenigen Ausnahmen, denn die Musik von Bach beispielsweise hat das Klavierrepertoire nie verlassen. 

Fasziniert von den Rameau-Aufnahmen der großartigen Marcelle Meyer und getrieben von dem Wunsch, „nie dasselbe Repertoire wie die anderen spielen“ zu wollen, nahm der Pianist jenes Album auf, das laut dem Journalisten Renaud Machart – Autor des Werks Les baroqueux, un demi-siècle de musique, 1949–2001 (Fugue, 2024), der der Aufnahme seinerzeit in Le Monde eine ganze Seite widmete – die „erste überzeugende ‚postbarocke‘ Klavieraufnahme“ darstellt. Während sich der Journalist daran erinnert, „empörte Briefe“ aus der Welt der Calvinisten erhalten zu haben, sah sich Alexandre Tharaud keinerlei Missbilligung seitens seiner Kollegen ausgesetzt. Nicht einmal von Marc Minkowski: „Kein Barockmusiker hat mir gesagt: „Tu das bloß nicht“. Zumal er damals nicht der Einzige war, der diesen Weg einschlug. „Die Wiederentdeckung des Barocks, der historischen Instrumente und einer ganzen Reihe historisch informierter Praktiken hat eine Zeit lang regelrechte Komplexe hervorgerufen. Alle modernen Musiker haben das alte Repertoire aufgegeben“, analysiert Benoît Dratwicki, Forscher und künstlerischer Leiter des Centre de musique baroque de Versailles (CMBV). „Aber in den 2000er- und 2010er-Jahren haben die Leute ihre Komplexe abgelegt und sich von der Spezialisierung gelöst. Das lässt sich zum Beispiel bei den Sängern beobachten: Eine international anerkannte Sängerin wie Sabine Devieilhe kann montags ‚Lakmé‘, dienstags ‚Les Indes galantes‘ und mittwochs irgendeine Operette von Offenbach singen. Sie interpretiert alle Repertoires mit stilsicherer Souveränität und einer gewissen Selbstverständlichkeit; sie lässt sich in keine Schublade mehr stecken.“ 

Angel

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