Mit Arianna in Rom würdigt die Sopranistin Carlotta Colombo die außergewöhnlichen Sängerinnen des 17. Jahrhunderts, die in den aristokratischen Kreisen Roms ausgebildet wurden – glanzvolle Künstlerinnen, die die Musikgeschichte bislang weitgehend übergangen hat. Fernab einer rein akademischen Übung lässt diese Aufnahme ein lebendiges, emotional intensives Repertoire wiederaufleben, das einst für diese vergessenen Virtuosinnen geschaffen wurde. Mit einer Mischung aus Gefühl, philologischer Sorgfalt und der Kunst musikalischer Rhetorik entführt uns Colombo in die raffinierte und intime Klangwelt des römischen Barock.
Dieses Programm rückt die außergewöhnlichen Sängerinnen ins Licht, die viel zu lange im Verborgenen blieben – durch Werke aus dem Rom des Barock. Wie entstand die Idee, diese Lamenti und Kantaten als Hommage an diese vergessenen Virtuosinnen zusammenzutragen?
Carlotta Colombo: Die Idee entstand aus dem Bedürfnis, hochtalentierten Frauen wieder Sichtbarkeit zu verleihen, die trotz ihrer zentralen Rolle in der Entwicklung des Rezitativstils und der Vokalmusik des 17. Jahrhunderts viel zu lange im Schatten der Musikgeschichte standen. Das Projekt ging aus der Forschungsinitiative Virtuose di musica nell’Italia del Seicento hervor, die es und möglich machte, die Biografien dieser Sängerinnen zu rekonstruieren – Frauen, die oft als Hofdamen oder Gesellschafterinnen in adligen Kreisen gewissermaßen im Verborgenen lebten. Durch Handschriften, Gedichte, Briefe und Finanzdokumente, die Unterrichtsstunden oder Instrumente belegen, konnten wir ihr Repertoire und die künstlerischen wie sozialen Kontexte, in denen sie wirkten, nachzeichnen. Rom erwies sich dabei als ein zentraler Ort für die Ausbildung dieser Künstlerinnen, nicht zuletzt durch Komponisten wie Landi, Rossi und Carissimi, die auch als ihre Lehrer fungierten. Wir haben die Stücke – darunter die Lamenti der Arianna, Erminia und Armida – aber nicht nur wegen ihrer musikalischen Schönheit ausgesucht, sondern auch wegen ihres ursprünglichen Bestimmungsorts: Sie wurden für begabte Frauen komponiert, die oft im Dienst adliger Familien oder unter dem Patronat von Kardinälen und Adligen standen. Dieses Repertoire ist somit nicht nur ein kostbares Erbe der Barockmusik, sondern auch eine wirklich innige Verbeugung vor jenen Sängerinnen, die – ohne je auf großen Bühnen zu stehen – maßgeblich die Entwicklung der italienischen Vokalmusik prägten.
Unter den ausgewählten Stücken nimmt das berühmte Lamento d’Arianna einen besonderen Platz ein, vor allem in der römischen Fassung, die Sie für diese Aufnahme gewählt haben. Was war wichtig für Ihre Interpretation dieses ikonischen Werks, und welche Rolle spielt es im Gesamtkonzept des Programms?
C.C.: In unserer Interpretation des Lamento d’Arianna haben wir den Text und seine affetti – die emotionalen Hintergründe – ins absolute Zentrum gestellt, ganz im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis. Statt das Stück nur als Monument von Monteverdis Musik zu behandeln, begreifen wir es als lebendiges Zeugnis der expressiven Kraft des aufkommenden Rezitativstils, der die ganze Komplexität menschlicher Leidenschaften in Klang übersetzt. Die römische Fassung des Lamento, überliefert in einer prächtigen Handschrift aus den Kreisen um Kardinal Montalto, bot die ideale Gelegenheit, das Stück in die intime, kultivierte Atmosphäre zurückzuversetzen, die für die Kammermusik der römischen Virtuosinnen ganz typisch war. In diesem Kontext wird das Lamento nicht nur zu einem Werk großer emotionaler Intensität, sondern auch zu einem Dokument des tatsächlichen Repertoires dieser außergewöhnlichen Sängerinnen, die oft in privatem Rahmen für adlige Kreise musizierten. Meine Interpretation ließ sich von der rhetorischen Kraft des Textes und einer behutsamen Gestaltung der musikalischen Phrasierung leiten – ganz im Geiste der seconda prattica. Unser Ziel war es, die emotionale Wirkung nachzuempfinden, die solche Aufführungen in den raffinierten Salons der römischen Höfe gehabt haben müssen. Im Programm nimmt das Lamento d’Arianna eine zentrale Stellung ein: als Archetyp des barocken Frauenklagelieds und als Schnittpunkt zwischen gelehrtem Repertoire und dem realen Erleben der Virtuosinnen. Es fungiert gewissermaßen als emotionales und ästhetisches Manifest, um das herum sich die übrigen Stücke gruppieren – allesamt ausgesucht, um jenen Künstlerinnen eine Stimme zu geben, die die neue Musik entscheidend mitgeprägt haben und doch so lange vergessen waren.
Auf der Aufnahme zeigt sich ein starker Dialog zwischen Stimme und Instrumenten – Theorbe, Violine, Continuo … Wie entwickelte sich Ihre Zusammenarbeit mit Anima & Corpo und Gabriele Pro, um diesen expressiven Ausgleich zu schaffen?
C.C.: Diese Zusammenarbeit mit dem Ensemble Anima & Corpo und Gabriele Pro ist tatsächlich das Ergebnis eines schon langen, gemeinsamen Weges, der sich über Jahre durch intensives Studium und die Aufführung von Musik des 17. Jahrhunderts entwickelt hat. Wir verfolgen seit Langem ein gemeinsames Ziel: dieses Repertoire wieder zum Leben zu erwecken, indem wir seine affektive und rhetorische Sprache durch einen echten Dialog zwischen Stimme und Instrumenten neu entdecken. Mit Gabriele Pro verbindet mich eine besonders enge musikalische Affinität, genährt von unserer gemeinsamen Leidenschaft für philologische Forschung und die Erschließung historischer Quellen. Dadurch konnten wir eine gemeinsame Interpretationssprache entwickeln – eine, die zwar in der historisch informierten Aufführungspraxis verwurzelt ist, aber niemals auf expressive Freiheit, theatralischen Atem oder die Spontanität der Improvisation verzichtet, die für die Musik dieser Zeit so essenziell sind. Die Interaktion zwischen Stimme und Instrumenten haben wir als eine Art erweitertes recitar cantando konzipiert: eine mehrstimmige Erzählung, in der jeder Mitwirkende eine narrative und emotionale Rolle übernimmt und so zur emotionalen Tiefe und farblichen Vielfalt beiträgt, die das gesamte Programm durchziehen.


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