Es ist – trotz aller segensreichen Bemühungen der historischen Aufführungspraxis, während der letzten 50 oder 60 Jahre – noch immer eine traurige Tatsache: In zahlreichen europäischen Bibliotheken und Archiven schlummert seit Jahrhunderten vergessene Musik, die seit 200, 300 oder gar 400 Jahren nicht mehr aufgeführt und oft noch nicht einmal gesichtet wurde – und deren Urheberschaft manchmal zudem falsch zugeordnet ist. Dies ist der Fall bei Don Quixotte, einem Divertimento Italiano in Musica, das im Sommer 1716 anlässlich des Besuchs von Zar Peter dem Großen am königlichen Hof in Kopenhagen zur Aufführung gelangte. Zwischen Uppsala, Kopenhagen und Hamburg rekonstruiert die Untersuchung den Weg dieser falsch zugeschriebenen Partituren, beleuchtet die wenig bekannte Figur des Theodorus Meyer und stößt dabei auf eine besonders romanhafte Episode seines Lebens: den Überfall auf die Postkutsche, mit der er 1711 aus Berlin zurückkehrte!
Eine Oper wiederentdecken
Alles begann im Frühjahr 2004. Damals fand im Schloss Charlottenburg in Berlin eine Ausstellung statt, die sich der künstlerischen Umsetzung des Themas Don Quijote widmete, insbesondere anhand von Gemälden und Wandteppichen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Im Gespräch mit einer der für die Ausstellung verantwortlichen Kunsthistorikerinnen kamen wir auf die Umsetzung dieses Themas im Ballett und in der Musik um 1700 zu sprechen. Dies weckte mein Interesse und ich begann zu recherchieren. Dabei erinnerte ich mich, einmal den Namen „Don Quixotte“ in einem Katalog der berühmten Musiksammlung der Universitätsbibliothek von Uppsala in Schweden, Carolina Rediviva (The Düben Collection), gelesen zu haben.
Dies weckte meine Neugier; daher durchforstete ich den Online-Katalog genauer und fand dort eine Reihe anonymer Partituren: die handschriftlichen Partituren einer Ouvertüre, eines Duetts sowie eines Dutzends von Arien; alle diese Vokalstücke waren auf Italienisch. Und das machte mich stutzig. Tatsächlich waren diese Stücke damals in der Bibliothek als Teil der Oper Der irrende Ritter Don Quixotte de la Mancia (Hamburg, 1690) des Arztes und Komponisten Johann Philipp Förtsch (1652–1732) katalogisiert worden, der tatsächlich lange Zeit in Hamburg als Sänger und später als Kapellmeister tätig war und verschiedene Opern für das Musiktheater der Stadt schrieb. Doch wie mir auf den ersten Blick auffiel, konnte das schlichtweg nicht stimmen: Denn Förtschs Hamburger Opern waren auf deutsche Libretti komponiert. Und seine Beiträge zum frühen Hamburger Opernrepertoire gehörten längst der Vergangenheit an, als man im Musentempel an der Alster zum ersten Mal auf Italienisch sang!

Vergleicht man die ersten Verse der in Uppsala erhaltenen Stücke – eine Ouvertüre, ein Duett und ein Dutzend Arien – mit denen anderer, von Don Quijote inspirierter Opern, so scheint sich das Duett Il Don Chissiot della Mancia zuordnen zu lassen, das 1680 in Venedig nach einem Libretto von Morosini und mit der Musik von Carlo Fedeli, genannt Sajon (um 1620–1685), uraufgeführt wurde. Nun galt es noch, die Herkunft des Dutzends begleitender Arien zu ermitteln. Damals hatte ich leider keine Zeit, die Nachforschungen fortzusetzen. Die Angelegenheit ließ mich jedoch nie los und gärte jahrelang in meinem Hinterkopf – leise, aber konstant…
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