Wiederentdeckt beim Festival in Innsbruck unter der Leitung von Ottavio Dantone, erlebt Geminiano Giacomellis Cesare in Egitto auf dieser Platte eine leuchtende und leidenschaftliche Wiedergeburt. Gespielt von der Accademia Bizantina entfaltet sich dieses politische und amouröse Fresko in voller dramatischer Kraft und in der Noblesse eines großmütigen Cäsar, verkörpert von Arianna Vendittelli an der Seite von Emőke Baráth (Cleopatra), Margherita Maria Sala (Cornelia) und Valerio Contaldo (Tolomeo). Das bei Alpha Classics / Outhere Music erschienene Album, aufgenommen im August 2024 beim Festival Alter Musik Innsbruck, lässt die Lebendigkeit des barocken Theaters und die Ausdrucksfülle eines noch viel zu wenig bekannten Komponisten in neuem Glanz erstehen.
Das Aufeinandertreffen menschlicher Leidenschaften mit geopolitischen Machtkämpfen steht im Zentrum der Geschichte um Julius Cäsar. Die Erforschung von Eifersucht, Groll, Rachsucht und Machtstreben, die dieses Drama prägen, hat unzählige Dramatiker und Komponisten inspiriert. Auch die Besetzung dieser Einspielung lässt die Ambitionen und Charaktere der einzelnen Figuren wie auch Giacomellis Deutung deutlich hervortreten. Hier erscheint Julius Cäsar als Held von leuchtender Noblesse. Am Ende des Dramas vereinen seine Vergebung und Milde alle Figuren – auch die ägyptischen – über die früheren Konflikte hinweg. Giacomelli greift damit ein gängiges Verfahren der Zeit auf, indem er die Großmut des Helden mit derjenigen des jeweils herrschenden Souveräns gleichsetzt.
Die Live-Aufnahme dieser Produktion beim Festival Alter Musik Innsbruck – unter der musikalischen Leitung von Ottavio Dantone – trägt wesentlich zu ihrer mitreißenden Unmittelbarkeit bei. Mit historischen Instrumenten und als ausgewiesene Spezialisten dieses Repertoires begnügt sich die Accademia Bizantina nicht mit einer stilistisch authentischen Wiedergabe, sondern legt besonderes Gewicht auf die dramatische Wirkung. Die leidenschaftlichen Ausbrüche verleihen dem Gesang in Momenten von Zorn oder Liebe zusätzliche Intensität, ohne dass dabei je Präzision und Feinzeichnung verloren gingen. Die Klarheit der Ausführung lässt die musikalische Intelligenz Giacomellis aufleuchten, dessen Themen sofort ins Ohr gehen und sich dauerhaft im Gedächtnis des Hörers verankern.
Das Cembalo Ottavio Dantones strukturiert die Arien mit kristalliner Präzision und belebt sie mit tänzerischer Energie. Durch seine Flexibilität und seine fein abgestuften Nuancen verleiht er auch den Rezitativen psychologische Tiefe. Diese sind keineswegs bloßes Beiwerk, sondern ein zentrales Element dieser Aufnahme. Die deutliche Diktion der Solistinnen und Solisten hebt den Text hervor, und ihre Phrasierung betont die jeweilige Intention jeder Zeile.
In diesem Zusammenhang ragen besonders Margherita Maria Sala mit der Empörung und Rachsucht ihrer Cornelia hervor sowie die oft niederträchtige Leidenschaft des Tolomeo von Valerio Contaldo. Die Besetzung mit der Sopranistin Arianna Vendittelli in der Titelrolle unterstreicht Giacomellis Absicht, Cäsar als reinen, lichtvollen Charakter zu zeichnen. Ihre schwebenden Höhen verleihen der Figur eine fast göttliche Aura, während die souveräne Linienführung ihre Aufrichtigkeit betont. Von animalischer Virilität, wie sie hier eher Tolomeo zukommt, ist dieser Cäsar weit entfernt. Der Tenor gestaltet seine Partie mit dieser Absicht – auch wenn der Stimme in den Arien mitunter etwas Offenheit fehlt.
Die vokale Opulenz von Filippo Mineccia unterstreicht die Strahlkraft seines Achilla, dessen beeindruckender, geschmeidiger Stimmumfang glänzend zur Geltung kommt. Mit feinem Sinn für Ornamentik zeichnet der Sopranist Federico Fiorio einen empfindsamen Lepido, dessen fast durchgehend ätherische Stimme wirkungsvoll mit den dunklen, erdigen Tönen seiner Geliebten Cornelia kontrastiert. Emőke Baráths rhythmische Grundierung als Cleopatra spiegelt das Selbstbewusstsein einer Frau wider, die ganz von ihrer Schönheit und ihrer königlichen Herkunft eingenommen ist. Doch innerhalb dieser Gewissheit lässt sie subtile stimmliche Schattierungen aufscheinen, die das wachsende innere Beben der Figur im zweiten Akt eindrucksvoll erfahrbar machen.
Die hervorragende Tontechnik hebt die Klangfarben der Instrumente hervor und sorgt für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Orchester und Stimmen. Als willkommene Zugabe für diese bemerkenswerte Wiederentdeckung enthält das beiliegende Booklet den vollständigen italienischen Text mit Übersetzungen ins Französische und Englische.
Und auch wenn Giacomellis Cesare in Egitto nicht ganz den musikalischen Genius Händels erreicht, bietet seine Herangehensweise eine faszinierende und ergänzende Sicht auf denselben historischen Stoff. Dank der Klarheit der Interpretation durch die Accademia Bizantina, der dramaturgischen Geschlossenheit unter Ottavio Dantones Leitung und einer durchweg inspirierten, virtuosen Besetzung tritt die Qualität dieses Werkes heute wieder vollständig ans Licht.
Technische Angaben
Werk: Cesare in Egitto (dramma per musica, 3 Akte)
Komponist: Geminiano Giacomelli (1692-1740)
Libretto: Domenico Lalli, in Zusammenarbeit mit dem jungen Carlo Goldoni ; Uraufführung: Venedig, Teatro San Giovanni Grisostomo, 24. November 1735.
Version: Live-Mitschnitt, Tiroler Landestheater (Großes Haus), Innsbruck, August 2024, im Rahmen der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.
Musikalische Leitung: Ottavio Dantone
Orchester: Accademia Bizantina (historische Instrumente)
Besetzung:
- Arianna Vendittelli — Cesare
- Emőke Baráth — Cleopatra
- Margherita Maria Sala — Cornelia
- Valerio Contaldo — Tolomeo
- Filippo Mineccia — Achilla
- Federico Fiorio — Lepido
Label : Alpha Classics / Outhere Music (3 CDs, Gesamtspielzeit: 2 h 44)
Besonderheiten: Vollständiges italienisches Libretto mit französischer und englischer Übersetzung; als erste vollständige Einspielung ausgewiesen.


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