Jean-Adam Guilain und Jacques Morel sind keine geläufigen Namen, selbst unter Liebhabern der Alten Musik. Der eine, Schüler von Louis Marchand, veröffentlichte 1706 seine Pièces d’orgue pour le Magnificat; der andere, Schüler von Marin Marais, legte 1709 sein Premier Livre de pièces de viole vor. In Dédicaces begegnen sich ihre musikalischen Welten: Die große Orgel der Chapelle royale von Versailles, gespielt von Thomas Ospital, tritt in ein Wechselspiel und einen Dialog mit dem Ensemble Saint-Honoré – zwei Gamben (Sacha Lévy, Lukas Schneider), ein Cembalo (Brice Sailly) und eine kleine Orgel unter der Leitung von Valentin Rouget.
Dieses Album rückt Werke von Jean-Adam Guilain und Jean-Baptiste Morel ins Licht, Komponisten, die beim breiten Publikum kaum bekannt sind. Was hat Sie dazu motiviert, diese Stücke unter dem Titel Dédicaces zusammenzuführen, und welchem roten Faden sind Sie bei Ihrer Auswahl gefolgt?
Thomas Ospital: Wie der Titel schon andeutet, sollten Guilains Pièces sur le Magnificat eigentlich mit barockem Choralgesang alternieren. Doch liturgisch wäre es unsinnig, das Magnificat aus seinem Zusammenhang zu reißen – und zudem viermal hintereinander denselben Choral zu singen. Wir wollten daher, dass sich diese Werke mit Stücken für Gambe von Guilains exaktem Zeitgenossen Jean-Baptiste Morel abwechseln. Und die Idee, diese Suiten mit Gambenmusik zu kombinieren, ergibt sich auch unmittelbar aus der Struktur von Guilains Werk: Seine Stücke zeigen eine deutliche Präferenz von mittleren und tiefen Lagen: Es finden sich vier Bassstücke und zwei récits en taille, aber nur ein einziges récit de dessus. Die basses de trompette greifen offensichtlich auf Gambenschreibweise zurück. Die musikalische Substanz dieser Suiten selbst hat uns also dazu gebracht, die Verbindung mit Morels Werken herzustellen.
Seit 2015 sind Sie Titularorganist der großen Orgel von Saint-Eustache in Paris. Dieses Programm haben Sie jedoch an der großen Orgel der Chapelle royale in Versailles aufgenommen, einem Instrument, das Sie weniger gut kennen. Wie haben die Besonderheiten dieser Orgel Ihre Interpretation französischer Barockmusik beeinflusst?
T. O.: Tatsächlich kenne ich die Orgel der Chapelle royale schon lange, denn als Student hatten wir im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Conservatoire und Versailles Zugang zu diesem Instrument – eine Partnerschaft, die glücklicherweise bis heute besteht. Die Möglichkeit, auf dieser Orgel aufzunehmen, war daher mit sehr besonderen Emotionen verbunden: Nachts allein in Versailles zu sein, ist schon mal ein eindrucksvolles Erlebnis. Und die Orgel fügt sich perfekt in den Raum und seine Akustik ein. Ein solches Instrument, mit so ausgeprägtem Charakter, gibt die Richtung vor, statt sich beherrschen zu lassen – es fordert den Interpreten zu einem Dialog heraus. Mit der Orgel zu kämpfen wäre sinnlos: Man muss ihr zuhören und auf sie eingehen.
Der Titel Dédicaces verweist auf eine Form der Widmung. Wem oder was ist dieses Album gewidmet, und wie spiegelt sich diese Idee der Widmung in Ihrem musikalischen Ansatz wider?
T. O.: In ihren jeweiligen Werken widmen Guilain und Morel ihre Musik ihren Lehrmeistern. Bei Guilain ist es Louis Marchand, bei Morel der berühmte Marin Marais. In beiden Fällen besteht eine klare stilistische Verwandtschaft, ohne dass sie in bloße Nachahmung verfiele. Diese Verbindung herzustellen bedeutet, die Werke in ihren Kontext zu stellen und zugleich Konstanten wie Eigenheiten jedes Komponisten hervorzuheben. So lässt sich auch manches besser verstehen – etwa der außergewöhnliche Tonumfang des Pedals im Trio du 4ᵉ ton: eine Besonderheit der Orgel der Cordeliers, deren Organist Louis Marchand war und an der Guilain mit großer Wahrscheinlichkeit als sein Stellvertreter wirkte – wie es damals für Schüler üblich war.



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