La Nébuleuse & Gabriel Rignol

Charpentier in drei Jahrzehnten Motette

→Für sein erstes Album durchmisst das Vokal- und Instrumentalensemble La Nébuleuse die gesamte Laufbahn Marc-Antoine Charpentiers anhand einer Auswahl seiner noch immer erstaunlich unbekannten Motetten.

Charpentier in drei Jahrzehnten Motette

Ob der Jungfrau Maria, Gott oder den Verstorbenen gewidmet, für eine oder mehrere Stimmen, mit Violinen oder allein mit Basso continuo: Das junge Ensemble La Nébuleuse unter der Leitung des ebenfalls jungen Gabriel Rignol lässt in diesem Album die Eigenart jeder einzelnen Motette in voller Klarheit hervortreten. Vier Stimmen und fünf Instrumentalisten genügen Charpentier, um die ganze Spannweite seines Könnens auszubreiten.

Das schlicht Motets betitelte Album erscheint bei Musica Ficta in der Reihe Opera Prima, die sich den ersten Einspielungen aufstrebender Künstler widmet. Neben zwölf zwischen 1670 und 1696 entstandenen Motetten Charpentiers stehen drei Instrumentalstücke auf dem Programm, komponiert von Henry Du Mont und Sébastien de Brossard, Zeitgenossen Charpentiers. Das Konzept orientiert sich an der Praxis der liturgischen Feiern, bei denen instrumentale Zwischenspiele eingefügt wurden, um den Sängern Momente der Erholung zu verschaffen.

Eine der Stärken dieser Aufnahme liegt im Miteinander der vier Sänger, deren Stimmen sich harmonisch mischen, ohne ihre jeweilige Individualität einzubüßen. Der Chor formt sich und löst sich wieder auf, um den Solisten Raum zu geben, und das mit natürlicher Geschmeidigkeit. Der Tenor Antonin Rondepierre verfügt über eine klare Stimme mit ausgeglichenen Höhen und einer sicheren, fast ins Baritonale tendierenden Tiefe. Seine Atemtechnik verleiht den Linien große Stabilität. Die vokale Reinheit der Sopranistin Clémence Niclas verleiht ihren Partien einen ausgesprochen himmlischen Charakter. Die sparsamen Verzierungen schärfen die Eindringlichkeit ihrer Anrufungen Gottes, etwa im De profundis clamavi. Sie bewegt sich sicher zwischen einer demütigen Frömmigkeit, die sich in feinen dynamischen Schattierungen äußert, und einer leuchtenden, engelhaften Klarheit, die ebenso präzise wie differenziert wirkt.

Der Haute-contre Brice Claviez-Homberg lässt in seinen Partien die menschliche Zerbrechlichkeit vor dem Göttlichen aufscheinen – in der Sensibilität seines Vortrags und im luftigen Glanz seines Timbres. Die Kopfstimme gerät dabei stellenweise inonatorisch an ihre Grenzen. Die tiefen Register des Basses Imanol Iraola verleihen den Chorsätzen ein Moment von Autorität, das die Herrschaft Gottes über die Welt evoziert. Die leicht samtige Färbung seines Timbres und die milde Wärme einzelner Töne tragen zur Ausdruckskraft von Milde und Barmherzigkeit bei.

Diese kleine Besetzung macht es möglich, die Homogenität und feine Balance der vier Stimmen innerhalb jeder Motette in all ihren Konturen wahrzunehmen. Besonders deutlich wird dies im De profundis clamavi, wo die gemeinsam kontrollierte Atemführung im mystischen Requiem aeternam dona eis Domine in reizvollem Kontrast steht zum Funkeln und der Heiterkeit des nachfolgenden Et lux perpetua luceat eis. Der vokale Stil bleibt durchweg jener schlichte, innige, der dem sakralen Charakter der Motetten angemessen ist. So entfalten sie ihre spirituelle und meditative Wirkung, ohne durch vokale Übertreibungen überzeichnet zu werden.

Auch das Instrumentalensemble folgt diesem Grundsatz. Es begleitet den Gesang dicht und aufmerksam, ohne seine eigene Ausdrucksqualität zu vernachlässigen. In den symphonischen Passagen zeigt es sich durchaus farbig, ohne sich ungebührlich von der inneren Welt der Motetten zu entfernen. Die Balance zwischen Stimmen und Instrumenten gelingt nicht zuletzt dank der kleinen Besetzung, die eine große Ausdruckspalette bei gleichzeitig intimer Atmosphäre erlaubt. Und schließlich liefert die klangtechnische Arbeit von Julie Bador eine Aufnahme, die den Hörer fast glauben lässt, mitten in der Chapelle des Sœurs Noires in Mons zu sitzen, wo unter ausgezeichneten akustischen Bedingungen aufgenommen wurde.

Mit einem selten zu hörenden Repertoire eröffnet La Nébuleuse seine Diskographie und vermittelt einen beeindruckend geschlossenen Eindruck der französischen Barockmotette. Das Ensemble legt die kompositorische Komplexität und Ausdruckskraft offen und bewahrt zugleich den religiösen Charakter dieser Musik. Diese erste Aufnahme könnte ein wichtiger Schritt sein, um Gabriel Rignols Ensemble in den kommenden Jahren als vielversprechenden Namen zu etablieren.


Technische Angaben

Titel: Motets 
Komponist: Marc-Antoine Charpentier (1643–1704) 
Ensemble: La Nébuleuse
Musikalische Leitung: Gabriel Rignol
Veröffentlichungsdatum: 3. Oktober 2025

Besetzung:

Label: Musica Ficta (1 Audio-CD; Gesamtdauer: ca. 82 Minuten)
Erwähnenswertes: Erste Veröffentlichung des Ensembles La Nébuleuse, vollständig Charpentiers geistlichem Werk gewidmet.