In New York geboren, aber untrennbar mit der Musikszene von Boston verbunden, hat sich Amanda Forsythe als eine der maßgeblichen Stimmen des Barock etabliert. Als treue Weggefährtin von Boston Baroque und dem Boston Early Music Festival sowie geschätzter Gast beim Rossini Opera Festival und dem Royal Opera House, feiert sie aktuell einen besonderen Triumph: Ihre Aufnahme von Telemanns Kantate Ino (erschienen beim Label Classic Produktion Osnabrück – cpo) gewann bei den Grammy Awards 2026 den Preis als „Bestes klassisches Solo-Gesangsalbum“. In diesem Gespräch reflektiert sie über ihre Anfänge, künstlerische Treue, Mutterschaft, die Pandemie und ihre unerschütterliche Leidenschaft für zwei Jahrhunderte Barockrepertoire.
Alles beginnt in Boston
„In diesem Beruf hängt vieles davon ab, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und das war ich zweifellos.“ Es ist Amanda Forsythe, die das sagt, während sie auf ein fast Vierteljahrhundert währendes Berufsleben in einem bekanntermaßen fordernden Metier zusteuert. Sie übt sich in Bescheidenheit, denn natürlich war es nicht allein der Zufall, der sie zu einer solch leuchtenden Interpretin des Barock machte. Ein außergewöhnliches Naturtalent – eine Sopranstimme, die als „rein wie Quellwasser“, „schimmernd und beweglich“ beschrieben wird – und beharrliche technische Arbeit gaben den Ausschlag.
Ich bewundere ihre Kunst schon fast so lange, wie sie professionell auf der Bühne steht, doch nun „treffe“ ich sie zum ersten Mal in einem Zoom-Gespräch. Das Bild überrascht mich fast: Wo sind die gepuderte Perücke, die Krone und der weite Reifrock der telemann’schen Ino, jener Königin von Böotien, die ich im vergangenen Juni in Caramoor sah? Auf dem Bildschirm wirkt sie vollkommen unprätentiös; das kastanienbraune Haar fällt in weichen Wellen auf ihre Schultern, sie nippt entspannt an einem Getränk und erinnert eher an eine Hollywood-Heldin der 1950er-Jahre als an eine barocke Tragödin.
Dieser „richtige Ort“ war für sie das Boston der Jahrtausendwende – eine Stadt, mit der man sie so eng verbindet, dass man sie fast automatisch für eine gebürtige New-Engländerin hält. Weit gefehlt: Geboren wurde sie in New York, lebte in Manhattan, auf Roosevelt Island im East River und später auf Long Island, bevor sie zum Studium nach Poughkeepsie an das Vassar College zog. Erst danach kam Boston. „Das New England Conservatory (NEC) war eine der wenigen Institutionen, die mich für den Master annahmen. Meine Schwester lebte bereits in Boston und war damals schwanger. Also zog ich hierher, wo es eine enorme Dichte an Ensembles für Alte Musik gab, und fing an, nach und nach Engagements zu bekommen. Eigentlich habe ich Barockgesang gar nicht spezialisiert studiert, sondern ein allgemeines Interpretationsstudium absolviert. Aber da ich nicht für das Opernprogramm des NEC zugelassen wurde, zwang mich das dazu, mich anderweitig vorzustellen.“
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