Jakub Józef Orliński & Michał Biel

Die Metamorphosen eines befreiten Barock

→Wenn ein Star-Countertenor und ein wandlungsfähiger Pianist sich des Barock annehmen, geraten stilistische Gewissheiten ins Wanken. Und genau dort entsteht die Überraschung.

Die Metamorphosen eines befreiten Barock
© Warner / Erato

Mit If music… schlagen Jakub Józef Orliński und Michał Biel einen barocken Weg ein, der seine Freiheit offen behauptet: Purcell, Fux, Händel und sogar Bach werden hier zum werden hier zum Gegenstand einer sensiblen Erkundung, losgelöst von den Dogmen der historisch informierten Aufführungspraxis. Das Duo, das bereits in Farewells seine enge künstlerische Verbundenheit zeigte, bekennt sich zu einer persönlichen Ästhetik, in der das moderne Klavier nichts imitiert, sondern anders offenlegt. Ein Album, das die Sensibilität der Orthodoxie vorzieht und eine andere Weise vorschlägt, den Barock zu bewohnen.

Das Album gliedert sich in zwei klar gezeichnete Teile: zunächst Purcell, von dem Orliński vor allem Bühnenmusiken auswählt, dann Händel, erschlossen über Opernarien, in denen sich Virtuosität und dramatische Spannung verbinden. Dazwischen dient eine Arie von Fux als Brücke, wie ein Augenzwinkern in Richtung eines mitteleuropäischen Barock, den das Duo gut kennt. Der Schluss, dem Klavier allein anvertraut, in einer Transkription von „Jesu, Joy of Man’s Desiring“, wirkt wie ein meditativer Atemzug nach einer Stunde menschlicher Leidenschaften. Das Booklet, das gesungene Texte, Übersetzungen und programmatische Erläuterungen versammelt, macht den Ansatz des Duos deutlich und wird zu einem regelrechten Hörführer. Das Ganze formt eine schlüssige, beinahe dramaturgische Erzählung, in der jedes Stück auf den Titel If music… zu antworten scheint. Dieser, Purcell entlehnt, wird so zum roten Faden: Musik als Konditional, als offene Möglichkeit.

Der polnische Countertenor kultiviert hier jene expressive Vielseitigkeit, die zu seinem Markenzeichen geworden ist. Die beiden Fassungen von „If music be the food of love“ machen dies besonders deutlich: Die erste, kontrastreicher angelegt, hebt die affektive Komplexität des Textes hervor, während die zweite, hellere dessen beinahe naive Spontaneität bewahrt. Diese Fähigkeit, von einem Stück zum nächsten die Gestalt zu wechseln, gehört zu den Reizen des Albums, auch wenn die innere Artikulation mancher Ausschnitte bisweilen etwas an Einheit vermissen lässt, als folgten die Affekte allzu deutlich aufeinander. Im „Cold Song“ wagt Orliński eine fast geflüsterte Zerbrechlichkeit, nahe am Röcheln, die nach und nach von Angstblitzen aufgerissen wird. An anderer Stelle, in „Furibondo, spira il vento“ oder „Your awful voice“, tritt eine schneidende Virtuosität hervor, getragen von souveräner Atemführung. Die sehr nahe Aufnahme aus dem Teldex Studio hebt die Textur der Stimme hervor, ihre Kanten ebenso wie ihren Samt. Die Wahl des modernen Klaviers — im Booklet ausdrücklich begründet — gehört zu den markantesten Gesten des Projekts. Anstatt sein Instrument „cembaloartig“ klingen zu lassen, nutzt Michał Biel dessen Resonanz, Zartheit und bisweilen auch einen Hauch von Romantik. In „Fairest isle“ umhüllt der weiche Anschlag die vokale Linie mit beinahe kammermusikalischer Delikatesse. Im „Cold Song“ hingegen verstärkt die harmonische Tiefe des Klaviers die dramatische Spannung. Diese instrumentale Freiheit, die Puristen irritieren könnte, fügt sich in einen stimmigen Ansatz: eine persönliche Lesart des Barock zu bieten, nicht gegen die Geschichte, sondern im Dialog mit ihr.

If music… steht in einer gegenwärtigen Tendenz: Interpretinnen und Interpreten, die die Codes der historisch informierten Aufführungspraxis genau kennen, entscheiden sich bewusst dafür, von ihnen abzuweichen, um ihre eigene Stimme umso klarer zu behaupten. Dieses Album ist kein Manifest, sondern ein Vorschlag: der eines vielgestaltigen, beweglichen Barock, der in unerwarteten Formen neu entstehen kann. Eine Einladung, anders zu hören.


Technische Daten

Titre : If music…
Komponisten: Henry Purcell (1659-1695), Georg Friedrich Haendel (1685-1759), Johann Joseph Fux (1660-1741)
Interpreten: Jakub Józef Orliński, Countertenor; Michał Biel, Klavier
Label: Warner Classics
Format: digital, CD, LP
Erscheinungsdatum: 27. März 2026