Der Dirigent Michael Hofstetter verbindet seine Leidenschaft für Alte Musik mit einem undogmatischen Ansatz. Seine Einspielungen von Opern wie Didone abbandonata von Johann Adolf Hasse und Oberon von Carl Maria von Weber überraschten durch ihre Energie und dramatische Kraft. Seit 2022 leitet er die Gluck-Festspiele und ist zugleich regelmäßig als Gastdirigent an Opernhäusern und bei spezialisierten Ensembles tätig. Die Gluck-Festspiele finden in der Region um Nürnberg statt, an Spielorten von Berching, dem Geburtsort Glucks, bis zum Markgräflichen Opernhaus Bayreuth. In diesem Jahr steht das Festival unter dem Motto „Amor & Psyche: Von der Entdeckung der Romantik auf der Opernbühne“, auch mit Blick auf das 150-jährige Jubiläum der Bayreuther Festspiele im Sommer 2026. Auf dem Programm stehen drei Opern: Orphée nach Hector Berlioz (Paris, 1859), Iphigenie in Aulis in der Bearbeitung von Richard Wagner (Dresden, 1847) sowie die Originalfassung von Paride ed Elena (Wien, 1770).
Bei der Ausgabe 2024 stellten Sie Glucks „La clemenza di Tito“ (Neapel, 1752) der 40 Jahre später komponierten Fassung von Mozart (Prag, 1791) gegenüber. In diesem Jahr betrachten Sie Gluck als Erneuerer des Musiktheaters im Lichte des 19. Jahrhunderts: Wo verorten Sie ihn zwischen dem Spätbarock und den ersten romantischen Strömungen? Diese Frage drängt sich in Bayreuth, dem Spielort des Festivals, umso mehr auf, steht dieser doch im langen Schatten Richard Wagners, der bekanntlich ein großer Bewunderer Glucks war…
Michael Hofstetter: Natürlich ist die Idee zu diesem Programm auch dank der Markgräflichen Oper Bayreuth entstanden. Dieser für uns wichtige Ort steht in geografischer und thematischer Nähe zum 150-jährigen Jubiläum der Bayreuther Wagner-Festspiele, die zehn Wochen nach unserem Gluck-Festival beginnen. Das ist ein bedeutendes Ereignis. Auf den ersten Blick mag das widersprüchlich erscheinen, doch es verdeutlicht die Energien, die von Gluck auf das 19. Jahrhundert ausstrahlen.
Sie sind Spezialist für die Musik des 18. Jahrhunderts. Wie ordnen Sie Gluck, diesen „Nicht-Klassizisten“, ein?
M. H.: Ich rücke von der ästhetischen und dramatischen Einordnung Glucks im 18. Jahrhundert ab. Gewiss ist das Meisterwerk „Orpheus“ in seinen drei Fassungen für Wien, Parma und Paris bereits von grundlegender Bedeutung, auch ohne die Bewunderung von Richard Wagner, Hector Berlioz und anderen. Doch mit seinen zukunftsweisenden formalen und strukturellen Innovationen hat Gluck das internationale Musiktheater seiner Zeit verändert. Er hat wichtige Vorbilder für die Zukunft geschaffen. Gluck richtete seinen Blick nach innen, in die Tiefen der Seele. Das ist in den Partituren zu lesen und zu hören. Die von Carl Gustav Jung definierten Archetypen wie „der Schatten“ sowie das Konzept des „kollektiven Unbewussten“ sind bei ihm deutlich erkennbar. In der Ouvertüre und in der Furien-Szene von „Orpheus“ beispielsweise nimmt er vorweg, was Jung später theoretisieren sollte. Das lässt sich mit den Begriffen und der Sprache des 18. Jahrhunderts unmöglich beschreiben und erfassen.
Leidenschaftlich an alter Musik interessiert und möchten Sie diesen nur für Abonnenten zugänglichen Artikel lesen?
Wenn Sie noch kein Abonnent sind, treten Sie der internationalen Total Baroque-Community bei. Abonnieren Sie hier ab 5,00€.
AbonnierenWenn Sie bereits Abonnent sind, melden Sie sich an.
Ich melde mich an


Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden