Ensemble Théodora

„Tranquilles cœurs“

→Auf diesem Debütalbum nimmt das Ensemble Théodora die Hörer:innen mit auf eine Reise zwischen Frankreich und dem deutschsprachigen Raum, von Lully und Campra bis zu den Brüdern Krieger, auf der sich verschiedene Stile kreuzen und verwandeln. Getragen von einer ausdrucksstarken Stimmpalette und einem fein ausgearbeiteten Continuo bringt die Aufnahme die Vielfalt der Kompositionsstile und -charaktere zur Geltung.

„Tranquilles cœurs“
© Alpha Classics

Neben dem Ensemble Théodora, das insbesondere aus Mariamielle Lamagat, Louise Ayrton, Alice Trocellier und Lucie Chabard besteht, bereichern die Stimme von Adèle Charvet und die Violine von Amandine Solano ein Programm, das sich der Verbreitung des französischen Stils im deutschsprachigen Raum im 17. und 18. Jahrhundert widmet. Von Lully und Campra bis hin zu den Brüdern Krieger hebt das Programm kontrastreiche Kompositionen hervor, getragen von einer präzisen, geschmeidigen und nuancierten Interpretation.

Auf die Musik in Europa übten Werke französischer Komponisten ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 18. eine erhebliche Wirkung aus. Insbesondere die Bühnenwerke (comédie-ballets, tragédie-ballet, ballets mit Gesangseinlagen, tragédies en musique) und Tanzsammlungen von Jean Baptiste Lully beeinflussten stilbildend Hoch- und Spätbarock. Wie sich französische Vorbilder seinerzeit im (heutigen) nord- und mitteldeutschen Raum widerspiegelten, verrät das Programm der hier anzuzeigenden neuen Tonträgerveröffentlichung. So rezipierte der junge Johann Sebastian Bach Orgelwerke von Jacques Boyvin und Stücke von François Couperin „le grand“ (1668-1733). Petits motets von André Campra stießen offenbar am kursächsischen (und königlich-polnischen) Hof in Dresden auf offene Ohren. Was wenig wundert, wenn sie so italienisch-sinnlich gesungen wurden und werden wie hier von Mariamielle Lamagat.  

Als Heranwachsender hatte Johann Fischer in Paris Unterricht bei J. B. Lully genommen. Als Hofkapellmeister in Mitau (heute: Jelgava, Lettland), in Schwerin sowie in Schwedt an der Oder hegte und pflegte er den französischen Stil bis an sein Lebensende. Am Hof des jungen Landgrafen Carl von Hessen-Kassel (1654-1730) wurden Auszüge aus Lullys Balletten für Gambe bearbeitet. Vielleicht damit der selbst Gambe spielende Landgraf sich daran versuchen konnte? Und just die Kasseler Fassung in Tabulatur des einleitenden Ritornelles glückt den Musizierenden des Ensembles Théodora zusammen mit der – den Titel liefernden – Air „Tranquilles cœurs“ als hinreißende Visitenkarte. Die ganz unterschiedlichen Bestandteile des Programms gehen geradezu organisch ineinander über. Faszinierend bietet Lucie Chabard auf dem Cembalo zwei Instrumentalstücke aus Lullys letzter (vollständiger) Oper Armide LWV 71 (1686) dar – einer Sammlung mit Clavierbearbeitungen vom mecklenburgischen Herzogshof entnommen. Nur in einer anonymen Sonata à 2 für Violine, Viola da gamba und Bc. drängt der Theorbist sich zu sehr in den Vordergrund. Hingegen demonstriert ein anderer musikalischer Gast auf der Erzlaute wie einfühlsam-begleitendes Continuospiel klingt! Und M. Lamagat und A. Charvet hätten sicherlich auch den Ohren des „Sonnenkönigs“ geschmeichelt, den Frieden und die Glückseligkeit in einem Duo Lullys mit vokalem Schmelz vereinend. 

Anzumerken bleibt noch: Auf S. 4 des Beihefts wird eine geistliche Solokantate „Surgite cum gaudio“ Johann Philipp Krieger zugeschrieben, auf S. 26 seinem jüngeren Bruder Johann Krieger (1651-1735). Gegenwärtigem Kenntnisstand zufolge, zählt jenes Stück zum Werkbestand des älteren Bruders. Johann Philipp Krieger war Hoforganist und Hofkapellmeister in Bayreuth und Weißenfels. In Italien geschult, steht seine hier ausgewählte Kantate stilistisch der italienisch gefärbten Musik von A. Campra näher denn Lullys Werk. Mit „Surgite cum gaudio“ trug Johann Philipp Krieger freilich bereits zum in Deutschland schließlich gepflegten „vermischten Geschmack“ bei. Denn um einige der lateinischen Verse musikalisch einzukleiden, griff er auf tänzerische französische Formen zurück, wie Loure oder Menuet sowie Passacaille.  

Insgesamt beschert das Ensemble Thédora (vor allem im Verein mit Adèle Charvet, Amandine Solano, Sergio Bucheli) einen überdurchschnittlich anregenden und geschmackvollen Hörgenuss, mit dem sich diese vier, in London geschulten, jungen Musikerinnen schon jetzt an die Spitze der historisch informiert Musizierenden ihrer Generation setzen.  


Technische Angaben

Werke: Diverse  

Komponisten: Anonymus, Jean Baptiste Lully (1632-1687), Johann Fischer (1646-1716/17), Jacques Boyvin (um 1649-1706), Johann Philipp Krieger (1649-1725), André Campra (1660-1744), Georg Böhm (1661-1733), Johann Sebastian Bach (1685-1750) 
Version: Studioaufnahme, Christuskirche, Paris, Dezember 2024 
Ensemble: Ensemble Théodora (historische Instrumente)  

Ausführende:  

  • Mariamielle Lamagat, Sopran  
  • Louise Ayrton, Violine  
  • Alice Trocellier, Viola da gamba  
  • Lucie Chabard, Cembalo und Orgel  

Gäste:  

  • Adèle Charvet, Mezzosopran  
  • Amandine Solano, Violine  
  • Sergio Bucheli, Erzlaute  
  • Leon S. Jänicke, Theorbe  

Label: ALPHA (1197) / NAXOS (1 CD, Gesamtspielzeit: 60 m 49 s)