Das im flämischen Leuven beheimatete Huelgas Ensemble ist eine der feinsten und bekanntesten Gruppen für das Repertoire des 14. – 16. Jahrhunderts. In diesem Jahr feiert es sein 55-jähriges Bestehen, während sein Gründer und Leiter Paul Van Nevel seinen 80. Geburtstag begeht. Zu diesem Anlass blickt er auf seine langjährige Arbeit an der frühen Polyphonie zurück: das Verhältnis zu Zeit und Notation, den rhythmischen Anspruch, die Ausbildung der Sänger und die konkreten Bedingungen bei der Interpretation eines ebenso gewaltigen wie unbekannten Repertoires. Der erste Teil des Interviews.
Sie haben am 4. Februar Ihren 80. Geburtstag gefeiert, außerdem haben Sie vor 55 Jahren, 1971, das Huelgas Ensemble gegründet. Was ist Ihnen wichtiger zu feiern?
Paul Van Nevel: Das Jubiläum ist sicher wichtiger, und das Ensemble ist gewissermaßen mein Daseinsgrund. Meine eigenen Jahre folgen einfach, und wir werden sehen – bisher ist alles sehr gut verlaufen. Meine Gesundheit ist ausgezeichnet, also machen wir einfach weiter. Aber ich weiß natürlich nicht, was ich mit mir selbst vorhabe, ich weiß jedoch sehr genau, was ich mit dem Ensemble vorhabe – und das ist entscheidend.
Was meinen Sie damit, Sie wissen nicht, was Sie mit sich selbst vorhaben?
P. V. N.: Nun, ich kann morgen tot umfallen. Aber ein Ensemble kann nicht komplett tot umfallen, das besteht weiter. Oder morgen könnte ich keine Lust auf das Ensemble mehr haben, keinen Antrieb mehr – gut, dann höre ich auf. Aber zum Glück habe ich bislang immer noch Lust. Dann hängt es auch davon ab, wie ich über Reisen und Tourneeleben denke: Das ist anstrengend, und wenn es mir zu viel wird, höre ich eben auf. Aber das ist derzeit nicht der Fall. Im Moment habe ich auch sehr viel vorbereitet, was ich unbedingt noch verwirklichen möchte.
Ursprünglich wurde Huelgas ja nicht als Vokalensemble gegründet, richtig?
P. V. N. : Ja, wir haben 1971 als Quartett begonnen. Wir waren alle vier Schüler der Klasse von Johannes Colette (niederländischer Blockflötist und Pädagoge (1918–1995), Pionier der Wiederentdeckung des Instruments im 20. Jahrhundert und Professor am Konservatorium in Maastricht). in Maastricht und ihm ist es zu verdanken, dass wir damals mit Huelgas angefangen haben — damals vor allem mit Instrumenten, in den verschiedensten Kombinationen: Alle spielten Blockflöte, zwei spielten außerdem Fidel, eine auch Krummhorn. So hatten wir viele unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten. Erst im zweiten oder dritten Jahr unseres Bestehens begann ich dann selbst zu singen. Ich hatte natürlich sechs Jahre im Bischöflichen Collège gesungen und also viel Gesangspraxis. Aber nach einem Jahr dachte ich: Nein, ich will kein professioneller Sänger werden. Also engagierten wir andere Sänger, und so entwickelte sich das weiter. In den 80er Jahren habe ich dann endgültig erkannt, dass unser Repertoire, die Polyphonie, doch hauptsächlich vokal geprägt ist und so haben wir immer mehr a-cappella-Programme gemacht. Und inzwischen verwenden wir Instrumente nur noch, wenn es wirklich notwendig ist oder wenn es sich aus der Entstehungssituation der Musik ergibt. Ich denke etwa an Claude Le Jeune, der zahlreiche Psalmen vertont hat – da ist eine instrumentale Mitwirkung sehr gut möglich. Im Repertoire des Vatikans in Rom hingegen überhaupt nicht, dort ist es selbstverständlich reines a-cappella-Repertoire. Im Moment sind also etwa 80 Prozent unserer Programme a-cappella.
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