Junge Talente 

Lillian Gordis: vom Bach bis zur zeitgenössischen Musik

→Die französisch-amerikanische Cembalistin Lillian Gordis, in Berkeley geboren und seit ihrer Jugend in Paris ansässig, hat sich als eine der prägenden Stimmen ihrer Generation auf dem internationalen Parkett etabliert. Gefeiert für die expressive Kraft ihres Spiels und ihren intellektuellen Tiefgang, wird die „Martha Argerich des Cembalos“ regelmäßig zu den großen Festivals in Europa und den USA eingeladen, während sie parallel eine vielbeachtete diskographische Karriere verfolgt. 

Lillian Gordis: vom Bach bis zur zeitgenössischen Musik

Ausgebildet bei den Koryphäen der französischen Cembalo-Schule wie Pierre Hantaï und Bertrand Cuiller, verließ Lillian Gordis ihre kalifornische Heimat bereits mit sechzehn Jahren, um ihre Kunst in Frankreich zu vollenden und mit Entschlossenheit in die europäische Tradition der Alten Musik einzutauchen. An der Sorbonne Université absolvierte sie einen Master in musikalischer Interpretation und vertiefte dabei einen Ansatz, der ebenso gelehrt wie intensiv körperlich-geistig durchdrungen ist. Ihre Debüt-Einspielung Zones, die Domenico Scarlatti gewidmet ist, beeindruckte die Fachwelt auf Anhieb durch ihre formale Freiheit und die präzise Klarheit ihrer musikalischen Sprache. Das anschließende, mit einem Diapason d’Or ausgezeichnete Doppelalbum mit Werken von Johann Sebastian Bach offenbart eine zutiefst persönliche Sicht auf den Leipziger Thomaskantor, in der sich stilistische Strenge und souveräne Eloquenz vereinen. Während im Januar 2026 gerade ein zweites Bach-Volumen beim Label Artalinna erschienen ist, setzt Gordis ihren künstlerischen Weg mit seltener Konsequenz fort. Zu ihren kommenden Projekten gehört ein weit gespannter Zyklus um die In- Nomine-Werke des Komponisten John Bull, die sie in einen Dialog mit zeitgenössischen Kompositionen stellt – ein Zeugnis für ihre fruchtbare Auseinandersetzung mit Erbe und Moderne. Parallel zu ihrer Konzert- und Aufnahmetätigkeit gibt sie ihren hohen Anspruch und ihre Leidenschaft als Dozentin an der University of Colorado Boulder weiter.

Sie haben das Cembalo bereits in sehr jungen Jahren für sich entdeckt. Wie fand dieses Instrument den Weg in Ihr Leben?

Lillian Gordis: Ich begegnete dem Cembalo zum ersten Mal im Alter von vier oder fünf Jahren, begann aber offiziell erst mit neun, es zu spielen. Ursprünglich saß ich am Klavier – wir hatten eines zu Hause. Meine Eltern waren zwar keine Musiker, aber meine Mutter sang viel mit uns, was zweifellos prägend war. Wie viele Kinder verbrachte ich Stunden damit, die Klaviatur zu erkunden, und das mit einer ziemlich überschäumenden Energie. Die Musik erwies sich dabei als idealer Weg, um diese Vitalität zu kanalisieren. Ich lernte Noten lesen und spielte gemeinsam mit meiner Mutter. Meine erste Klavierlehrerin besaß zufällig ein Cembalo – eine glückliche Fügung, da sie mit einem Cembalobauer verheiratet gewesen war. Die Berührung mit dem Instrument hinterließ bei mir sofort einen tiefen Eindruck.  In den USA jedoch gestaltete sich der Zugang zum Cembalo für ein Kind mangels einer mit Europa vergleichbaren Konservatoriums-Infrastruktur als nahezu unmöglich: Es fehlte sowohl an spezialisiertem Unterricht als auch an Leihinstrumenten. Daher blieb ich beim Klavier, befasste mich ein wenig mit der Violine und nahm an Sommerkursen teil – vor allem im Raum San Francisco, wo die Alte Musik vergleichsweise stark vertreten ist.

Was gab letztlich den Ausschlag für Ihren endgültigen Wechsel zum Cembalo?

L. G.: Mit etwa neun Jahren verspürte ich eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Klavier. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, den Sinn hinter meinem Tun zu begreifen; rein autoritäre Vorgaben lagen mir einfach nicht. Meine Eltern willigten schließlich in einen letzten Versuch ein – diesmal mit dem Cembalo. In diesem Moment fand ich endlich sowohl eine Lehrerin als auch ein Instrument. Zwei Aspekte waren dabei entscheidend: Zum einen der direkte Kontakt zur Saite – dieses physische Erleben, das sich so grundlegend vom Klavierspiel unterscheidet – und zum anderen die Freiheit, Fragen zu stellen. In der Welt der Alten Musik ist dieses Hinterfragen nicht nur akzeptiert, sondern bildet das eigentliche Fundament der künstlerischen Praxis. Und nicht zuletzt war da das Repertoire: Schon als Kind übte Johann Sebastian Bach eine tiefe, fast magische Anziehungskraft auf mich aus.

Angel

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