Seit Februar 2022 lebt die Ukraine unter Bomben. Eingeladen zum Kyiv Baroque Fest 2025, das vom 10. bis 21. November in der Nationalen Philharmonie der Ukraine stattfand, entschied sich die tschechische Sopranistin Hana Blažíková – vertraut mit den großen europäischen Bühnen und dem Repertoire von Bach und Händel –, allein mit dem Zug für zwei Tage ins Herz von Kyjiw zu reisen. Zwischen Luftalarm, Stromausfällen und einer überwältigenden Gastfreundschaft erzählt sie mit noch immer frischer Emotion, wie dieses Konzert die eigentliche Bedeutung der von ihr gesungenen Worte verschoben hat – vor einem Publikum, für das Tod und Trost keine Metaphern mehr sind, sondern alltägliche Realität.
Die Einladung
Als mein Agent mir die Einladung weiterleitete, beim Kyiv Early Music Festival zu singen, war ich buchstäblich außer mir vor Freude. Ich wusste sofort, dass ich dorthin wollte und alles daransetzen würde, dies zu verwirklichen. Zunächst dachte ich daran, mit meinem Mann, dem Lautenisten und Theorbisten Jan Krejča, zu reisen, aber es stellte sich heraus, dass er keine Zeit hatte. Ich überlegte kurz, wer mich begleiten könnte, bevor ich mich schließlich entschied, ein Programm mit lokalen Musikerinnen und Musikern auf die Beine zu stellen. Jemanden in ein Kriegsgebiet mitzunehmen, erschien mir als eine immense Verantwortung. Meiner Mutter habe ich übrigens erst im allerletzten Moment Bescheid gegeben: Ich wollte sie nicht noch mehr beunruhigen.
Die Reise nach Kyjiw
Ich nahm zwei Züge: den ersten von Warschau nach Chełm, einer Stadt an der polnisch-ukrainischen Grenze; von dort aus einen Nachtzug nach Kyjiw. Kurz vor dem Einsteigen war ich ein wenig nervös: Ich betrat völlig unbekanntes Terrain. Die Nacht in Chełm war dunkel, kalt und regnerisch, und die Atmosphäre hatte etwas Unwirkliches, fast schon Unheimliches.
Meine Ängste verflogen jedoch schnell, als mein Abteilnachbar eintraf: ein junger, sehr sympathischer Ukrainer. Er war unglaublich freundlich, erklärte mir viele Dinge, und dann sprachen wir mehrere Stunden lang darüber, wie sein Leben – und das aller jungen Ukrainer – durch den Krieg auf den Kopf gestellt wurde. Seine Erzählung erfüllte mich mit tiefer Traurigkeit, aber sie half mir auch, die aktuelle Situation und die Gefühle der Menschen in der Ukraine besser zu verstehen.

Wir überquerten die ukrainische Grenze über Nacht; daher sah ich fast nichts durchs Fenster. Am Morgen erinnere ich mich daran, riesige, rötlich schimmernde Sümpfe und Birkenwälder gesehen zu haben. Bei der Annäherung an Kyjiw fuhren wir durch Städte wie Borodjanka, Irpin, Butscha… Das war für mich ein zutiefst surrealer Moment.
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