Als Komponist, Dichter und Sänger war Gilles Joye (1424/25–1483) einst eine der Perlen der franko-flämischen Schule, bevor er in Vergessenheit geriet. Unter der Leitung von Thomas Baeté lässt das Ensemble ClubMediéval seine Missa O rosa bella, die auf einem Lied von John Bedyngham basiert, wiederaufleben und stellt ihr die kompletten weltlichen Chansons Joyes gegenüber. Zwischen Sinnlichkeit, Ironie und Inbrunst hebt dieses Album eine vergessene Stimme hervor, so frei wie berührend.
Gilles Joye ist ein heute weitgehend vergessener Komponist des 15. Jahrhunderts, obwohl er zu Lebzeiten sehr bekannt war. Was hat Sie dazu bewegt, seine Musik wieder ins Licht zu rücken?
Thomas Baeté: Am Anfang stand ein ganz persönlicher, scheinbar banaler Anlass: Joye ist ein seltener flämischer Nachname und es ist der Name meiner Mutter. Die Familie meiner Mutter und die des Komponisten stammen beide aus derselben Region, um Kortrijk und Armentières. Es ist durchaus möglich, dass Gilles und ich gemeinsame Vorfahren haben. Das hat mich auf ihn aufmerksam gemacht.
Danach hat mich vor allem die unkonventionelle Qualität, in seiner musikalischen Handschrift und der Auswahl seiner Texte fasziniert — gewissermaßen das Andere, wenn man ihn mit Zeitgenossen wie Binchois oder Dufay vergleicht. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir auch klar, dass sich durch meine Diskographie überhaupt ein Faible für Außenseiter und ungewöhnliche, hybride, eigenwillige Komponisten zieht: Anthony Poole, Leonora Duarte, Paolo da Firenze und nun eben Gilles Joye …
Das Album enthält sowohl Chansons von Gilles Joye als auch von John Bedyngham. Wie stehen diese Stücke zur Missa O Rosa bella und mit welchem roten Faden im Sinne haben Sie die Auswahl getroffen?
T. B.: Die CD vereint sämtliche überlieferten weltlichen Werke von Joye. Das Lied O Rosa bella von John Bedyngham diente Gilles als Grundlage für zwei Messen, die ihm Reinhard Strohm zuschreibt. Eine davon, die Missa super O Rosa bella, ist auch auf dem Album zu hören.
Rosabella war zudem der Vorname seiner Geliebten – denn Gilles, obwohl Kanoniker, führte eine Liebesbeziehung. Die Kirchenoberen der St.-Donatian-Kirche in Brügge zwangen ihn, diese zu beenden; daraufhin versteckte Gilles die Melodie im Tenor seiner Messe — für die er übrigens auch bezahlt wurde! Eine Art Nasenstüber gegenüber seinen kirchlichen Vorgesetzten und ihrer Strenge. Es ist ein schönes Beispiel für das aufsässige Temperament dieses Sängers und Komponisten!
Die Musik von Gilles Joye, zugleich raffiniert und sinnlich, klingt heute seltsam vertraut. Welche Art von Hörerlebnis wünschen Sie sich für Menschen des 21. Jahrhunderts, die diese Werke zum ersten Mal hören? Und welches Stück empfehlen Sie für den Einstieg ins Album?
T. B.: Für mich spricht Joyes Musik vor allem durch ihre unmittelbare Emotionalität, nicht durch die architektonische Schönheit polyphoner Kunstgriffe. Genau das habe ich von den Sängerinnen und Sängern für diese Aufnahme erbeten: Musik, die an der Realität ansetzt, die Dynamik gewinnt zwischen Erhabenem und Vulgärem. Das Porträt von Joye, gemalt von Hans Memling, zeigt mit großer Sorgfalt und Detailgenauigkeit die Züge eines vom Leben gezeichneten Mannes – ganz wie wohl auch seine Musik …
Zum Einstieg würde ich für seine bewegende Melancholie würde ich Mercy, mon deuil empfehlen – und für das Sinnliche, das schon an Widerspenstigkeit grenzt, Ce qu’on fait à catimini, das zugleich den Auftakt der CD bildet. Zwei ganz unterschiedliche Stimmungen, die die Ausdrucksvielfalt seiner Schreibweise wunderbar widerspiegeln.


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