Das vergessene Meisterwerk des spanischen Komponisten José de Nebra wird dank einer Weltpremiere durch das Ensemble Los Elementos unter der Leitung von Alberto Miguélez Rouco neu zum Leben erweckt. Venus y Adonis, 1729 komponiert, verbindet mythologisches Drama mit barocker Ausdruckskraft – stilistisch an der Schnittstelle zwischen Italien und Spanien. Eine Opernkomposition von seltener Intensität, getragen von einer ambitionierten musikwissenschaftlichen Rekonstruktion und einem jungen, engagierten Ensemble.
Venus y Adonis ist eine Weltpremiere. Was hat Sie dazu bewegt, dieses vergessene pastorale Melodram wiederzubeleben – und warum halten Sie es für zentral, um das spanische Opernschaffen des 18. Jahrhunderts besser zu verstehen?
Nachdem ich bereits Nebras Zarzuelas Vendado es Amor, no es ciego und Donde hay violencia, no hay culpa aufgenommen hatte, war mein Interesse groß, Venus y Adonis einzuspielen. Es ist nicht nur ein wunderbares Werk – es war auch nie zuvor auf CD veröffentlicht worden. Zudem musste ein Großteil der Musik rekonstruiert werden, denn nur Stimmen, Violine und Bassstimme sind erhalten. Dieser Prozess führte dazu, dass ich noch tiefer in Nebras Kompositionsweise einzutauchen konnte. Venus y Adonis gehört zu den wenigen erhaltenen Opern in spanischer Sprache aus den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Es zeigt exemplarisch, wie stark der italienische Stil – vor allem die Form Rezitativ-Arie – in Spanien Fuß gefasst hat, und das im Kontrast zur hierzulande üblichen Strophenform mit Refrains. Gleichzeitig bleiben viele spanische Traditionen gewahrt: Alle Rollen, Männer wie Frauen, werden von Frauen gesungen; der Chor spielt eine aktive Rolle in der Handlung und kommentiert sie teils sogar innerhalb der Rezitative – in Europa eine echte Besonderheit. Neben den ernsten Figuren gibt es ein komisches Paar, die sogenannten graciosos, die populäre Arien singen (darunter sogar ein Fandango). Und obwohl das Werk nur aus einem Akt besteht, eignet es sich perfekt als abendfüllende Vorstellung – jede Figur bringt ihre eigene Palette an Arien mit.
Sie mussten einen Großteil der Partitur aus Manuskriptfragmenten rekonstruieren. Welche musikalischen und stilistischen Herausforderungen brachte das mit sich – und wie sind Sie vorgegangen, um möglichst nahe an Nebras Klangwelt zu bleiben?
Die Rekonstruktion war meine Hauptbeschäftigung in den ersten Monaten der Pandemie 2020 und dauerte bis 2023 an – ich konnte sie stetig verfeinern, während ich fast Nebras gesamtes Werk studierte. Mein Ziel war es von Anfang an, so werkgetreu wie möglich zu rekonstruieren. Es ging mir darum, Nebras Handschrift sichtbar zu machen und meine eigene Handschrift so weit wie möglich zurückzunehmen. Die Streicherstimmen ließen sich recht leicht ergänzen, das war quasi eine mechanische Angelegenheit, weil die Stimme der ersten Violine erhalten ist und damit die orchestrale Melodiebasis gegeben war. Für Bläser und Blech habe ich sämtliche Bühnenwerke, Zarzuelas, sakrale und kleinere Stücke Nebras analysiert, um harmonische Parallelen, Muster und Motive zu finden, die sich in Venus y Adonis einfügen. Auf diese Weise stammen 95 % der Musik, die man hört, tatsächlich von Nebra. Als Ouvertüre habe ich außerdem eine seiner Cembalosuiten orchestriert – ihr pastoraler Charakter passt wunderbar zur Oper.
Zwischen mythologischer Klassik, populärem Witz und dramatischer Tiefe scheint das Werk viele Register zu ziehen. Was haben Sie mit den Sängerinnen und dem Ensemble Los Elementos unternommen, um diese Farbigkeit herauszuarbeiten?
Wir haben einerseits die vier Hauptrollen – Venus, Adonis, Mars und Kybele –, die das eigentliche Drama tragen und entsprechend ernste Arien singen: über Kampf, Traum, Tod, Rache. Und dann sind da die beiden komischen Figuren Clarín und Celfa, die eine ganz eigene kleine Liebesgeschichte erzählen – unabhängig von der Haupthandlung. Clarín etwa singt eine Arie, die fast nach Rossini klingt, während Celfa mit einem Fandango brilliert. Am Schluss liefern sie ein herrlich überdrehtes Hühnerduett – ein echter Publikumsrenner. Im Zentrum meiner Arbeit mit dem Ensemble steht immer der Text – sein Sinn, seine Emotionen. Und Nebra schreibt Melodien, die stark am Wort haften: Koloraturen, Sprünge, Dissonanzen – all das ist bei ihm nie Selbstzweck, sondern immer Ausdruck. Es steckt hinter jeder Note ein dramatischer oder emotionaler Gedanke. Wir haben auch gezielt unterschiedliche Gesangsstile herausgearbeitet: Die ernsten Figuren brauchen lyrische Tiefe, Ornamentik, Triller, schöne Phrasierung – während sich die komischen Figuren viel mehr auf die Kraft des Textes stützen. Ein weiteres zentrales Anliegen war die spanische Aussprache: Ich wollte, dass auch nicht-spanische Sängerinnen dieses Repertoire überzeugend singen können, und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Im Orchester haben wir gezielt daran gearbeitet, die theatralische Wirkung der Stimmen zu unterstützen, ja fast mit ihnen in Dialog zu treten. Das Orchester ist hier nicht bloß Begleitung, sondern es wird selbst zu einer Figur auf der Bühne. Diese musikalische Tiefe fasziniert mich besonders, weil sie die Musikerinnen stark einbindet. Großen Wert habe ich auch auf die Arbeit an den Rezitativen gelegt – davon gibt es in dieser Oper sehr viele, denn es gibt keinen gesprochenen Dialog. Sie sind knapp, präzise und erzählen die Handlung ausgesprochen effizient. Für die Celloverzierungen habe ich mich an Werken von Francisco Corselli orientiert, einem Kollegen Nebras an der Capilla Real in Madrid – diese Vorlagen bereichern die musikalische Rhetorik des Werks enorm.


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