Diese Barockmeister

Reinhard Goebel: »Ich habe die goldenen Zeiten miterlebt« (1/2)

→Reinhard Goebel, Gründer von Musica Antiqua Köln, blickt auf ein halbes Jahrhundert Barockmusik, Entdeckungen und künstlerische Unabhängigkeit zurück. Mit 73 Jahren plädiert er zwischen Erinnerungen an das goldene Zeitalter der Schallplatte und einem klaren Blick auf die Gegenwart für eine anspruchsvolle, freie und von Karrieredenkweisen unabhängige Praxis.

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Reinhard Goebel: »Ich habe die goldenen Zeiten miterlebt« (1/2)
"Yes, I would like to become a musician again today!" © Bachfest Leipzig/Gert Mothes

1973 gründete der junge Barockgeiger Reinhard Goebel mit einigen Kommilitonen das Ensemble Musica Antiqua Köln. Innerhalb weniger Jahre feierte die Gruppe internationale Erfolge, tourte durch zahlreiche Länder und brachte weitgehend unbekanntes Repertoire zu Gehör. Ursprünglich als Kammermusikensemble konzipiert, erweiterte sich die Besetzung ab den 1980er Jahren zunehmend auf Orchestergröße, wobei Goebel sowohl auf Plattenaufnahmen als auch bei Live-Konzerten eine außergewöhnliche Energie und Präzision bewahrte. Nach 33 Jahren wandte sich Goebel 2006 neuen Aufgaben als Dirigent moderner Symphonieorchester zu und vermittelte ihnen den Zugang zum frühen Repertoire. In diesem Gespräch blickt er zurück auf goldene Zeiten, unzählige Kilometer an Mikrofilmen über der Badewanne, seine Unzufriedenheit mit Herkömmlichem und seine Leidenschaft für das Neue

1973 gründete der junge Barockgeiger Reinhard Goebel mit einigen Kommilitonen das Ensemble Musica Antiqua Köln. Innerhalb weniger Jahre feierte die Gruppe internationale Erfolge, tourte durch zahlreiche Länder und brachte weitgehend unbekanntes Repertoire zu Gehör. Ursprünglich als Kammermusikensemble konzipiert, erweiterte sich die Besetzung ab den 1980er Jahren zunehmend auf Orchestergröße, wobei Goebel sowohl auf Plattenaufnahmen als auch bei Live-Konzerten eine außergewöhnliche Energie und Präzision bewahrte. Nach 33 Jahren wandte sich Goebel 2006 neuen Aufgaben als Dirigent moderner Symphonieorchester zu und vermittelte ihnen den Zugang zum frühen Repertoire. In diesem Gespräch erzählt er von goldenen Zeiten, unzähligen Kilometern an Mikrofilmen über der Badewanne, seiner Unzufriedenheit mit Herkömmlichem und vor allem von seiner ungebremsten Leidenschaft für das Neue – eine Begeisterung, die den Kern dieses Artikels ausmacht und den Leser mitten hineinzieht.

Herr Goebel, wie lange sind Sie inzwischen in der Musik, vor allem der Alten Musik zugange? 

Reinhard Goebel: In der Musik, naja, etwa 60 Jahre. Ich habe mit ungefähr zwölf Jahren mit der Geige angefangen, vielleicht auch mit elf, aber nicht früher. Dann habe ich in Köln bei Franzjosef Maier studiert, später bei Sashko Gavrilov, bei Marie Leonhardt — und mich ungefähr mit 21, 22 frei gemacht. Ich habe natürlich immer weiter gelernt, als Musica Antiqua gegründet wurde, 1973, aber dann in eigener Regie. Also könnte man sagen, in der Alten Musik bin ich jetzt 52 Jahre daheim. 

Würden Sie gerne heute nochmal eine Karriere in der Alten Musik starten — oder war früher alles besser? 

R.G.: Das kann ich gar nicht so genau sagen, weil ich schlicht nicht weiß, wie junge Menschen mit den Vorbildern umgehen, die ich damals hatte.

(Lacht) Vielleicht sind Sie für die inzwischen Vorbild?  

R.G.: Für den einen oder anderen sicherlich. Aber Musik ist bei mir ja nie ein Job gewesen, sondern ein Beruf — und auch Berufung. Als ich zum ersten Mal krank wurde, nach 30 Jahren Geige, und nicht mehr spielen konnte, habe ich ja folglich nicht aufgegeben, sondern nochmal umgekehrt gelernt; Bogen links, Geige rechts. Also, ich würde gerne auch heute wieder Musiker werden, obwohl ich natürlich nicht weiß, wie mich die Veränderungen auf dem Musikmarkt beeinflussen würden.

Dann spielt natürlich auch eine Rolle, wie man aufwächst: Ich war seinerzeit in einer Klassengemeinschaft, in der sehr viel Widerspruch und Eigenkreativität normal waren. Und wenn diese Rahmenbedingungen ähnliche wären, könnte ich mir durchaus vorstellen, das wieder zu machen.  Aber das ist ja doch eine sehr hypothetische Frage. 

Angel

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