La Serenissima vereint die Sopranistin Sophie Junker, die Dirigentin Martyna Pastuszka und das {OH!} Ensemble in einem Programm, das der venezianischen Oper des 18. Jahrhunderts gewidmet ist. Zwischen Bravourarien und intimeren Momenten stellt diese musikalische Reise Vivaldi und Caldara in einen Dialog mit heute unbekannteren Repräsentanten des italienischen Barock. Eine Einladung, den Reichtum und die Vielfalt eines ebenso erfindungsfreudigen wie dramatischen Repertoires neu zu entdecken.
Venedig scheint der rote Faden dieses Albums zu sein, sowohl im Geist als auch in der Auswahl der Werke. Was hat Sie dazu inspiriert , dieses Thema zu wählen und wie kommt diese Stadt bei Ihnen an?
Sophie Junker: Die ursprüngliche Idee zu diesem Album entstand zunächst einmal aus meiner Zusammenarbeit mit der großartigen Geigerin Martyna Pastuszka. Die Entwicklung eines Programms ist nicht immer einfach, denn die Bedingungen können sehr vielfältig sein: Die Arbeit mit den instrumentalen Möglichkeiten und einem begrenzten Budget, der Tessitura und den Farben einer Stimme, oder auch ein lohnendes, aber sofort zugängliches Repertoire zu finden … Aber am Ende waren unsere Hauptziele folgende: Kraft des Ausdrucks und ein Ehrenplatz für die Geige. Und unter diesen Bedingungen hat sich Venedig in die Pole-Position gebracht, könnte man sagen! Ein befreundeter Musikwissenschaftler, Pedro Octavio Díaz, hat dann hart gearbeitet, um ein lebendiges und elegantes Programm zusammenzustellen und ihm den letzten Schliff zu geben. Der venezianische Stil ist vor allem Eleganz: raffinierte Musik, in der Virtuosität im Dienst von Emotionen und Geschichte steht, niemals nur dazu da ist, einfach leer zu glänzen. Und von 1700 bis 1760 setzte Venedig auf Saiteninstrumente – gestrichen oder gezupft –, die diesem Stil eine einzigartige Fluidität und Sinnlichkeit verliehen. Auf der anderen Seite spielt Neapel manchmal die Karte der Exzesse mit langen Vokalisen und obligaten Blasinstrumenten aus und bevorzugt das Spektakel gegenüber dem dramatischen Ausdruck. Viele der Melodien, die ich auf dieser CD anbiete, stammen von außerhalb der Lagune, halten sich aber an die Codes des venezianischen Stils: Vivaldi, Porta oder Lotti haben sich in einigen ihrer Werke eindeutig von Neapel inspirieren lassen.
Im Begleitheft erwähnen Sie eine intensive und inspirierende Zusammenarbeit mit Martyna Pastuszka und ihrem Orchester {OH!}. Wie hat sich diese musikalische Alchemie in die Aufnahmen dieses Albums übertragen?
S. J.: So, dass diese Chemie ganz natürlich ist, denn Martyna ist eine äußerst großzügige Künstlerin, was sich in ihrem Spiel, aber auch in ihrer Menschlichkeit widerspiegelt. Wir haben diese CD auf Hochtouren aufgenommen, in drei Tagen. Das war eine unvorstellbare Herausforderung, die wir ohne die Energie, die sich so einfach entfaltet, wenn wir durch Musik sprechen, nicht hätten meistern können. Ich persönlich bin keine Intellektuelle, ich singe oft instinktiv, mit so einem etwas rauen und unfertigen Gestus, auch wenn das manchmal bedeutet, stilistische Fehler zu machen … Ich leide da ein bisschen am Syndrom des Sängerkindes, das sich ausdrücken und vor allem Spaß haben will! Aber paradoxerweise kann ich dieser Musik eine an Mystik grenzende Ehrerbietung entgegenbringen und mich taub und unwürdig fühlen, mir dieses Repertoire anzueignen. Bei Martyna aber habe ich oft das Gefühl, dass alles freier wird, ich fühle mich voll und ganz willkommen, allein durch die Art und Weise, wie sie auf meine musikalischen Intentionen eingeht oder eine Atmosphäre schafft, ihr Orchester aufrüttelt … Sie hat einen starken und unmittelbaren Instinkt, aber sie hat auch ein großes Wissen über diesen Stil, zusätzlich zu ihrem Können als Geigenvirtuosin. Und da spreche ich noch gar nicht vom Orchester, die sind alle Monster! Polen sind nicht nur sehr stark, sondern auch bescheiden und liebenswert. Ich fühle mich privilegiert, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Auf dem Programm dieses Albums stehen also emblematische venezianische Komponisten, aber auch selten aufgenommene Werke wie die von Benedetto Marcello oder Giovanni Porta. Wie haben Sie die Stücke ausgewählt? Wollten Sie einen weniger bekannten Teil des barocken Repertoires vorstellen?
S. J.: Wie ich oben schon sagte, mag ich es nicht, bis zum Exzess über irgendetwas nachzudenken. Ich muss mich zwar gewissen Zwängen beugen, aber ich möchte auch einfach Spaß mit einem Repertoire haben, und ich möchte natürlich, dass es angehört wird! Also habe ich hier und da gepickt, ohne jemals das Gesamtprojekt aus den Augen — oder Ohren — zu verlieren. Ich musste diese Musik lieben, anbeten, verehren, und sie musste das Kind in mir sofort berühren. Das ist notwendigerweise subjektiv … Es hat also Tage über Tage gedauert, bis ich mich entschieden habe. Und es war schwierig, denn auch wenn es letztlich nicht darum ging , all meine stimmlichen Fähigkeiten zu unter Beweis zu stellen, musste ich doch Eintönigkeit vermeiden, Kontraste bevorzugen… Und da ist eine Menge Repertoire, das es zu erkunden gilt, denn dieses Thema Venedig kann leicht zu breit gefächert sein. Das Programm ist vor allem eine Beschwörung, die aber die außergewöhnliche Fülle, die das Venedig des achtzehnten Jahrhunderts war, nicht vollständig vermitteln kann … — dafür bräuchte es eine Serenissima in einer 30-CD-Box! Die Stücke von Porta und Marcello sind hier quasi Hits, ich hätte es mir selbst übel genommen, wenn ich sie nicht ins Programm genommen hätte, das erste wegen seiner wunderbaren tragischen Kraft und das zweite wegen dieser traurigen Klarheit, die mich besonders berührt hat.


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