Haymarket Opera Company: ein gelungenes Barock-Wagnis in Chicago

→Im Jahr 2006 hatte der Gambist Craig Trompeter eine Vision: Er wollte ein unabhängiges, gemeinnütziges Ensemble für Opern und Oratorien des 17. und 18. Jahrhunderts gründen, um eine musikalische Lücke in Chicagos Kulturlandschaft zu schließen. Die beiden großen etablierten Opernhäuser der Stadt wagten sich damals nämlich nur selten an das barocke Repertoire heran. Fünf Jahre später war die Haymarket Opera Company geboren. Heute, fünfzehn Jahre nach ihrer Gründung, hat das Ensemble eine neue künstlerische Dimension erreicht und bringt vom 24. bis 27. September eines der absoluten Meisterwerke der Epoche auf die Bühne: Monteverdis „L’Orfeo“.

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Haymarket Opera Company: ein gelungenes Barock-Wagnis in Chicago
Händels "Tamerlano" mit der Haymarket Opera Company im Jarvis Opera Hall (DePaul University) in Chicago, 2024. Mit Ryan Belongie (Tamerlano), David Portillo (Bajazet), Emily Birsan (Asteria), Kathleen Felty (Andronico), Emily Fons (Irene) und David Govertsen (Leone). © Elliot Mandel

Die Haymarket Opera Company, einst mit minimalen Mitteln und einem fast ausschließlich ehrenamtlichen Team von dem Gambisten und überaus treffend benannten Craig Trompeter ins Leben gerufen, hat sich inzwischen weit über Chicago hinaus etabliert. Dabei hat die Company nie aufgegeben, was ihre Einzigartigkeit ausmacht: Sie erweckt vergessene Werke zu neuem Leben und widmet der historisch informierten Aufführungspraxis ebenso viel Hingabe wie der szenischen Umsetzung. Mit Monteverdis L’Orfeo, einem der ehrgeizigsten Projekte in der fünfzehnjährigen Geschichte der Company, wird nun ein neuer künstlerischer Meilenstein erreicht. Die Aufführungen finden vom 24. bis 27. September 2026 in der Sasha and Eugene Jarvis Opera Hall der DePaul University in Chicago statt. Dies ist ein willkommener Anlass, um auf den bemerkenswerten Werdegang eines unabhängigen Opernensembles zurückzublicken, das in dieser Form selbst in Europa seinesgleichen sucht.

Haymarket nimmt ihre Tätigkeit 2011 in einer gewissen Ungewissheit auf. „Ich wusste damals überhaupt nicht, was passieren würde, und in gewisser Weise weiß ich es immer noch nicht“, gesteht Craig Trompeter, der Gründer. „Ich habe das Gefühl, dass uns alle Möglichkeiten offenstehen.“ Das Publikum zeigt jedoch sehr schnell Interesse, und ein Schritt folgt dem nächsten: Bereits 2012 lobt die New York Times Charpentiers Descente d’Orphée aux Enfers als „fein gespielt, sorgfältig gesungen und mit Liebe einstudiert“; 2017 gibt die Company ihr europäisches Debüt beim Festival „Malta Baroque“ am Mittelmeer mit Stradellas San Giovanni Battista; 2023 verleiht das „BBC Music Magazine“ ihrer Weltersteinspielung von Joseph Bolognes L’Amant Anonyme fünf Sterne und den Titel „Oper des Monats“; schließlich gibt die Haymarket Company 2025 ihr Debüt beim Ravinia Festival in Illinois mit Händels Alcina und Nicole Cabell.

Nicole Cabell (Léontine), Erica Schuller (Jeannette) und Nathalie Colas (Dorothée) in L’Amant Anonyme von Joseph Bologne (Chevalier de Saint-Georges) in der Jarvis Opera Hall (DePaul University) in Chicago im Jahr 2022. © Elliot Mandel

Diese Entwicklung führt nun zu L’Orfeo, einem Projekt, auf das Trompeter schon lange hingearbeitet hat: „Es ist natürlich wunderbar, das älteste Werk des Repertoires der Alten Musik inszenieren zu können. Davon haben wir schon lange geträumt!“ Diese Entwicklung, ist umso bemerkenswerter, als die Mittel in keinem Verhältnis zu denen der großen benachbarten Institutionen stehen. „Mit einem Bruchteil des Budgets der anderen Ensembles in unserer Umgebung ist es uns gelungen, uns einen Platz in der Kulturlandschaft Chicagos zu sichern“, fasst Intendant Chase Hopkins zusammen. 

Die Anfänge

Dass ein Gambist den Wunsch hegte, ein Barockopernensemble zu gründen, war für Trompeter, der sich schon seit langem für dieses Repertoire begeisterte, keineswegs überraschend. Er war überzeugt, dass Chicago, eine große Opernstadt mit einer florierenden Szene für Alte Musik, für das Projekt aufgeschlossen sein würde. „Seit meiner Kindheit habe ich Vokalmusik immer geliebt“, erklärt er, „und meine größten musikalischen Momente vor Haymarket standen alle auf die eine oder andere Weise mit der Oper und den Sängern in Verbindung. Also habe ich einfach beschlossen, dass ich mehr Gelegenheit haben wollte, in diesem Bereich zu arbeiten.“ 

Von Anfang an legt Trompeter Wert darauf, dass die Company sowohl musikalisch als auch szenisch eine historisch informierte Interpretation verfolgt – ein Ansatz, der nach wie vor selten ist und dem in Nordamerika nur zwei weitere Institutionen folgen: das Boston Early Music Festival und das Opera Atelier mit Sitz in Toronto, Kanada. Für ihn ist es ganz einfach logisch, dass das, was man auf der Bühne sieht, mit dem übereinstimmt, was man in der Musik hört: historische Kostüme und Bühnenbilder, elegante Gesten im Dienste der musikalischen Linie. „Das bereichert die Aufführung weitaus mehr, als wenn man Menschen in zeitgenössischer Kleidung ohne besonderen Charakter sieht, die sich genauso bewegen wie wir im Alltag“, erklärt er. „Für mich ist das Poesie. Wir sind stets bestrebt, die Poesie und die Bedeutung dessen, was wir tun, hervorzuheben.“ 

Kangmin Justin Kim (Cleopatra) und Lauren Decker (Marc’Antonio) in Marc’Antonio e Cleopatra von Johann Adolph Hasse in der Jarvis Opera Hall (DePaul University) in Chicago im Jahr 2023. © Elliot Mandel

Aufschwung

Die Haymarket Opera Company – deren Name sowohl auf den Haymarket-Aufstand von 1886 in Chicago als auch auf den Londoner Haymarket verweist, jene Straße, in der Händel im King’s Theatre mehr als fünfundzwanzig seiner Opern uraufführte – nimmt 2011 ihre Tätigkeit auf. Seitdem hat die Company ihre Spielzeiten ausgebaut und ihr künstlerisches Spektrum erweitert sowie in ihre ohnehin schon starken Besetzungen anerkannte Persönlichkeiten der Alten Musik wie Nicole Cabell und die Countertenöre Kangmin Justin Kim und Bejun Mehta aufgenommen. „Ich habe den Eindruck, dass im Moment fast alles, was wir tun, eine neue Wegmarke darstellt. Die letzten Jahre waren besonders spannend“, bemerkt Trompeter. 

Angel

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