In dieser Aufnahme erweckt das Ensemble Polyharmonique ein lange vergessenes, aber höchst bemerkenswertes Werk von Christoph Demantius zu neuem Leben: seine Johannes-Passion von 1631, ein Juwel des deutschen Frühbarock. Die Passion, die hier mit sechs solistischen Stimmen aufgeführt wird, zeichnet sich durch ihre dichte Erzählweise, ihre komplexe Polyphonie und ihre emotionale Tiefe aus. Um die spirituelle Atmosphäre noch zu intensivieren, baute Alexander Schneider Werke von Hammerschmidt, Schütz, Schein und anderen Zeitgenossen ein – und stellt damit nach, wie ein Karfreitagsgottesdienst im Sachsen des 17. Jahrhunderts geklungen haben könnte. Dieses Album spiegelt den raffinierten Ansatz des Ensemble Polyharmonique wider, der historische Erkenntnisse mit poetischer Sensibilität und engagiertem Gesang verbindet.
Warum verdient Christoph Demantius‘ Johannes-Passion es, wiederentdeckt zu werden?
Alexander Schneider: Demantius‘ Johannes-Passion ist deshalb besonders faszinierend, weil sie eine der letzten Passionen im Motetten-Stil ist, bevor die eher opernhaften, rezitativisch geprägten Passionen des Barock aufkamen. Ein Grund, warum dieses Werk eine Wiederentdeckung verdient, ist aber auch seine bemerkenswerte Expressivität in diesem rein polyphonen Rahmen. Anders als spätere Passionen von Künstel, Keiser, Bach oder Telemann verzichtet Demantius auf Solorezitative oder Instrumentalbegleitung. Stattdessen verlässt er sich ganz auf den Chorsatz, um die Charaktere zu zeichnen und dramatische Intensität zu vermitteln. Seine Verwendung von musica reservata verleiht dem Werk trotz seiner relativ nüchternen Struktur eine tiefe emotionale Wirkung. Darüber hinaus reflektiert die Passion einen kritischen Moment in der Musikgeschichte, als nämlich die polyphone Tradition der Renaissance der neuen barocken Ästhetik Platz machte. In diesem Sinne dient Demantius‘ Passion sowohl als Kulmination der Renaissance als auch als Vorahnung barocker Expressivität. Seine Wiederentdeckung heute bietet Interpreten und Zuhörern eine neue Perspektive auf Passionsvertonungen, die sich von den bekannteren Werken des 18. Jahrhunderts unterscheiden. In einer Zeit, in der die historisch informierte Aufführungspraxis (HIP) so wichtig geworden ist, bietet Demantius‘ Passion eine wirklich einzigartige Gelegenheit, diese Zeit zu erkunden und lädt Musiker ein, sich mit den rhetorischen und deklamatorischen Aspekten der Chormusik des frühen 17. Jahrhunderts auseinanderzusetzen.
Welche musikalischen und interpretatorischen Entscheidungen haben Sie mit Ensemble Polyharmonique getroffen, um das Wesen dieser Passion einzufangen?
A. S.: Wir haben versucht, einen transparenten, flexiblen Klang hinzubekommen, der diese Reinheit der Renaissance-Polyphonie widerspiegelt und gleichzeitig die für die Musik des Frühbarock charakteristische intensive Textdeklamation zulässt. Anstelle von großen, opernhaften Stimmen dachten wir, dass eine agilere und textnahe Interpretation die rhetorische Klarheit des Passionstextes verdeutlichen würde. Da sich die Passion ausschließlich auf Vokalpolyphonie stützt, mussten wir bei der Phrasierung, Artikulation und dynamischen Kontrasten sehr sorgfältig vorgehen unerlässlich, um die dramatische Spannung aufrechtzuerhalten, und wir haben uns innerhalb historisch angemessener Grenzen Phrasen mit subtilen Temposchwankungen gestattet, um Schlüsselmomente in der Passionserzählung hervorzuheben. Und auch der Stimmton vom A=466 Hz und die Verwendung der mitteltönigen Stimmung haben sicher dazu dabei getragen, die ausdrucksstarken Dissonanzen und harmonischen Farben zu betonen, die Demantius‘ Schreibweise charakterisieren, und sowohl die strenge Schönheit als auch die unterschwellige Dramatik seines Werks einzufangen.
Wie haben Sie diese liturgische Dramatisierung nachempfunden?
A. S.: Die Passion des Demantius wechselt zwischen homophonen und polyphonen Abschnitten, um die Rollen zu differenzieren. So werden beispielsweise die Worte Christi in einer feierlichen, fast choralartigen Weise gesungen, während die Einwürfe der Menge — die Turba-Abschnitte — mit viel mehr rhythmischer Intensität komponiert sind, um die Dramatik zu unterstreichen. Und während in der Musik des frühen 17. Jahrhunderts selten dezidierte dynamische Anweisungen stehen, können Interpreten aus der Betonung des Textes doch auf natürliche dynamische Entwicklungen schließen. So werden zum Beispiel die Aussagen Christi mit ruhiger Autorität gesungen, während sich die schwankende Unentschlossenheit des Pilatus in leichtem Zögern oder dynamischen Verschiebungen zeigt. Darüber hinaus sind auch bestimmte Passagen – wie die Verleugnung des Petrus oder der Höhepunkt, der Moment der Kreuzigung Christi – durch die Phrasierung subtil gedehnt oder intensiviert, so dass sie emotionaler aufgeladen wirken, ohne doch stilistische Konventionen außer Acht zu lassen. Schließlich haben wir gut platzierte Stillen oder anhaltende Pausen eingesetzt, um dramatische Momente zu verstärken und die Zuhörer tiefer in die sich entfaltende Erzählung der Passion hineinzuziehen. Durch solche interpretatorischen Entscheidungen haben wir versucht, Demantius‘ Johannes-Passion aus einem rein liturgischen Werk in eine überzeugende musikalische Dramatisierung der Evangelienerzählung zu verwandeln und dabei sowohl ihrer sakralen Funktion als auch ihrem Ausdruckspotenzial gerecht zu werden.



Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden