Als Gründer und musikalischer Leiter des 2015 ins Leben gerufenen Ensembles Concerto 1700, hat sich der Geiger und Dirigent Daniel Pinteño der Mission verschrieben, verborgene musikalische Schätze des spanischen Barock und der Klassik wieder hörbar zu machen. Mit der Neuaufnahme der Quatuors à cordes op. 3 von Gaetano Brunetti– einst ein geschätzter Musiker am Hofe Karls IV. – setzt das Ensemble diese ambitionierte Entdeckungsreise konsequent fort. In einer perfekten Balance aus musikwissenschaftlicher Akribie, historischer Aufführungspraxis und mutiger interpretatorischer Freiheit entfaltet Pinteño ein faszinierendes Klangpanorama. Klassische Eleganz, feinsinniger Humor und gestalterische Virtuosität verschmelzen hier zu einer zutiefst individuellen und überraschenden musikalischen Sprache. Das Album ist 2025 bei 1700 Classics, dem Label des Ensembles, erschienen.
Gaetano Brunetti ist dem breiten Publikum bis heute als Komponist relativ unbekannt. Was hat Sie an seinen Streichquartetten op. 3 gereizt, und warum haben Sie sich gerade jetzt für die Aufnahme dieses Repertoires entschieden?
Daniel Pinteño: Bei 1700 Classics sind wir davon überzeugt, dass ein Album weit mehr ist als nur die Musik, die es enthält: Es ist ein Gesamtprojekt, das bis ins kleinste Detail Hingabe und Sorgfalt verdient. Von der Grafik und der visuellen Ästhetik bis hin zur fundierten redaktionellen Begleitung – unser Anspruch ist es, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das optisch besticht und inhaltlich durch Tiefe überzeugt. Jeder Aspekt, die äußere Form wie der künstlerische Gehalt, ist von derselben Leidenschaft getragen, mit der wir die Musik interpretieren, um dem Hörer ein vollkommenes Erlebnis zu ermöglichen. Deshalb mein Rat: Genießen Sie die Musik mit der physischen CD in den Händen!Bei der Auswahl unserer Projekte lassen wir uns oft von jenen Entdeckungen leiten, die wir im Zuge unserer eigenen Recherchen machen. Für uns bei Concerto 1700 ist die künstlerische Arbeit ein stetiger Lernprozess. Brunetti ist selbst in seiner spanischen Heimat noch ein weitgehend verkannter Name, obschon er eine Schlüsselrolle in der Musiklandschaft des 18. Jahrhunderts einnahm. Als Kammermusiker Karls IV. – eines Monarchen mit einer tiefen Leidenschaft für die Tonkunst – schuf er ein monumentales Œuvre, das allein im Bereich des Streichquartetts über sechzig Werke umfasst.
Nachdem wir uns bereits kleineren Besetzungen wie seinen Trios gewidmet hatten, markierte ein besonderes Ereignis im Jahr 2024 den Wendepunkt: Ein Konzert auf den prachtvollen, verzierten Stradivari-Instrumenten des Palacio Real in Madrid eröffnete uns den Zugang zu seinen Quartetten. In diesem Moment reifte der Entschluss, die künstlerische Herausforderung anzunehmen und erstmals ein vollständiges Opus seiner Quartette auf historischen Instrumenten einzuspielen. Seine Musik ist von einer zutiefst persönlichen Handschrift geprägt; mit jeder Probe offenbart sich Brunettis unverwechselbare Sprache deutlicher. Es ist eine Kunst voller Eleganz und Vitalität, in der sich klassische Klarheit mit einer tiefen Ausdruckskraft und feinsinnigem Humor vereint. Trotz seiner relativen Unbekanntheit besitzt seine Tonsprache eine überraschende Unmittelbarkeit für den modernen Hörer. Wir sind überzeugt, dass dieses Repertoire es verdient, aus dem Schatten der Musikgeschichte zu treten. Es ist höchste Zeit, diese spanischen Schätze, die viel zu lange Fachkreisen vorbehalten waren, zurück in den Fokus zu rücken. Wir wollten diesen Werken neues Leben einhauchen und sowohl ihren künstlerischen Wert als auch ihren Stellenwert in der europäischen Musikgeschichte sichtbar machen. Wie ich stets zu antworten pflege, wenn man mich danach fragt: Spanien hat in Sachen Streichquartett ein gewichtiges Wort mitzureden!
Als Geiger und Leiter von Concerto 1700: Wie finden Sie das Gleichgewicht zwischen historischer Treue und expressiver Freiheit in diesen Quartetten, besonders bei einer Interpretation auf Originalinstrumenten?
D. P.: Wir gehen von einem Grundsatz aus, der mir sehr am Herzen liegt: Ich möchte, dass Aufnahmen lebendig klingen. Ich liebe es, wenn man den Atem der Musiker spürt oder die natürlichen Klänge des Instrumentenspiels hört. Allzu sterile, glattpolierte Einspielungen langweilen mich ein wenig und vermitteln zudem ein verfälschtes akustisches Bild davon, was Interpretation eigentlich ausmacht. Die Arbeit mit historischen Instrumenten erlaubt es uns zudem, jener Klangwelt nahezukommen, die Brunetti selbst kannte – mit all ihren ursprünglichen Farben, Artikulationen und Nuancen. Doch historische Treue bedeutet nicht Starrheit: Unsere Priorität ist, wie ich bereits erwähnte, die Musik selbst und die Art und Weise, wie sie heute kommuniziert und berührt. Wer aufmerksam zuhört, wird feststellen, dass wir bei der Wiederholung bestimmter Abschnitte oft das Bedürfnis verspüren, Variationen einzuflechten. Wir begreifen dies als eine natürliche Reaktion auf die Musik. Unsere barocke Prägung verleitet uns dazu, uns ein wenig treiben zu lassen. Wir suchen ein Gleichgewicht, bei dem musikwissenschaftliche Forschung unsere interpretatorischen Entscheidungen erhellt, in dem aber zugleich jede Phrase atmen darf und ein Eigenleben besitzt. Expressive Freiheit erwächst aus einer profunden Kenntnis des Stils und der damaligen spieltechnischen Mittel, wobei wir die Musik ganz natürlich und voller Emotionen sprechen lassen.

Diese Quartette zirkulierten lange Zeit in einem sehr exklusiven, an den Hof gebundenen Rahmen. Was hofften Sie, durch diese Einspielung über Brunettis Tonsatz und seine musikalische Persönlichkeit zu enthüllen oder hörbar zu machen?
D. P.: Brunettis Musik eröffnet eine alternative Perspektive, die sich bisweilen ganz bewusst über die etablierten Konventionen seiner Zeit hinwegsetzt. Er war mit dem vertraut, was in anderen Regionen Europas komponiert wurde, entschied sich jedoch dafür, einen eigenen Stil zu kultivieren – letztlich seine ganz eigene Identität. Diese Werke entstanden im Herbst 1774 in San Lorenzo de El Escorial für den Prinzen Carlos, den späteren Karl IV. Der Hof wechselte je nach Jahreszeit zwischen den sogenannten königlichen Residenzen (Sitios Reales), und die Musiker zogen mit ihm. In dem Manuskript, das uns als Referenz für diese Aufnahme diente und in der Bibliothèque nationale de France aufbewahrt wird, finden sich zwei aufeinanderfolgende Opera: Opus 2, komponiert während des Sommeraufenthalts in La Granja de San Ildefonso bei Segovia, und das von uns aufgenommene Opus 3, das, wie erwähnt, zwischen Oktober und Dezember 1774 in San Lorenzo de El Escorial entstand. Wie Sie völlig richtig anmerken, war ihre Bestimmung – anders als bei Zeitgenossen wie Boccherini, die ihre Karriere ebenfalls in Spanien verfolgten – primär die Aufführung zum Vergnügen des Hofes. Dies ist der Grund, warum Brunettis Schaffen für die Nachwelt lange Zeit im Verborgenen blieb. Mit dieser Aufnahme möchten wir den inneren Reichtum seiner Musik aufzeigen: seinen Sinn für Humor, seine Raffinesse und seine Fähigkeit, Eleganz mit emotionaler Tiefe zu verbinden.
Welches Quartett oder welchen Satz würden Sie einem Hörer, der Brunetti durch diese CD neu entdeckt, für den Einstieg empfehlen? Und ganz persönlich gefragt: Welches ist Ihr Favorit – zu welchem Werk kehren Sie mit dem größten Vergnügen oder der tiefsten Emotion zurück?
D. P.: Es ist schwer, nur einen einzigen Satz auszuwählen… denn sie alle sind hochinteressant und verraten viel über Brunettis kompositorische Handschrift. Anstelle eines einzelnen Satzes würde ich eher zwei empfehlen. Für den Anfang, einfach aus Neugier, würde ich das Largo Cantabile con sordini (Track 5) aus dem Quartett L160 wählen. Es ist ein ruhiger Satz, in dem wir alle mit Dämpfer spielen. Dieser samtene Klang und Brunettis Satzweise bewirken, dass sich der musikalische Diskurs ganz natürlich entfaltet. Es steckt Dramatik darin, aber auch Hoffnung. Wegen seiner kompositorischen Kühnheit möchte ich zudem das Andantino con variazioni (Track 7) aus dem Quartett L161 hervorheben. In diesem Satz entfaltet jedes Instrument seine eigene Persönlichkeit in einer Reihe von Variationen über ein Thema. Man erlebt nacheinander die Feierlichkeit der Bratsche, die Fantasie der zweiten Geige, das Cantabile des Cellos und schließlich die vibrierende Energie der ersten Geige. Um auf Ihre Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich glaube, der beste Weg, sich dieser Aufnahme zu nähern, ist, sich ohne Vorurteile oder Erwartungen überraschen zu lassen. Brunettis Musik steckt voller Nuancen, Humor und Schönheit; bei jedem Hören lassen sich neue Details entdecken. Sich unvoreingenommen auf sein Universum einzulassen, ist zweifellos die authentischste Art, diese Quartette zu genießen.

Aktuelles
- 10. April – El camino de Simón de Cirene, mit Carlos Mena, San Lorenzo de El Escorial (Spanien)
- 15. April – Bello pastor, mit Carlos Mena, León (Spanien)
- 26. April – El fin del continuo, Avilés (Spanien)
- 29. April – Scarlatti: Il Giardino di Amore, mit Carlotta Colombo und Filippo Mineccia, Valencia (Spanien)


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